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Der Verstand kann gar nichts beweisen

«Ich kann mir denken, daß es viele gibt, die auf dem Gipfel der Wissenschaftlichkeit zu stehen glauben, und welche die folgenden Auseinandersetzungen «ganz unwissenschaftlich» finden. Ich kann diese verstehen, denn ich weiß, daß zu diesem Einwand notwendig derjenige gedrängt wird, der keine Erfahrung auf übersinnlichem Gebiete hat und der zugleich nicht die nötige Zurückhaltung und Selbst-bescheidenheit hat, um zuzugeben, daß er noch etwas lernen könne. 

Nur wenigstens das eine sollten solche Menschen nicht sagen, daß die hier vorgebrachten Vorgänge dem «Verstande widersprechen»,  und daß man sie «mit dem Verstande nicht beweisen kann». Der Verstand kann gar nichts tun, als Tatsachen kombinieren und systematisieren. Tatsachen kann man erfahren, aber nicht «mit dem Verstande beweisen». 

Mit dem Verstande kann man auch einen Walfisch nicht beweisen. Den muß man entweder selbst sehen oder sich von denen beschreiben lassen, die einen gesehen haben. So ist es auch mit übersinnlichen Tatsachen. 

Ist man noch nicht so weit, sie selbst zu sehen, so muß man sie sich beschreiben lassen. Ich kann jedermann die Versicherung geben, daß die übersinnlichen Tatsachen, die ich im folgenden beschreibe, für den, dessen höhere Sinne geöffnet sind, ebenso «tatsächlich» sind wie der Walfisch.»

Rudolf Steiner, Anmerkungen S.88 nach dem Aufsatz "Wie Karma wirkt" in Reinkarnation und Karma, Gesammelte Aufsätze 1903-1923, Taschenbuch 1961, Verlag Freies Geistesleben Stuttgart 

Karl Ballmer

 und daß man sie «mit dem Verstande nicht beweisen kann». Der Verstand kann gar nichts tun, als Tatsachen kombinieren und syste-matisieren. Tatsachen kann man erfahren, aber nicht «mit dem Verstande beweisen». Mit dem Verstande kann man auch einen Walfisch nicht beweisen. Den muß man entweder selbst sehen oder sich von denen beschreiben lassen, die einen gesehen haben. So ist es auch mit übersinnlichen Tatsachen. Ist man noch nicht so weit, sie selbst zu sehen, so muß man sie sich beschreiben lassen. Ich kann jedermann die Versicherung geben, daß die übersinnlichen Tatsachen, die ich im folgenden beschreibe, für den, dessen höhere Sinne geöffnet sind, ebenso «tatsächlich» sind wie der Walfisch.

«Es geschieht ohne alle Bitterkeit, wenn der Herausgeber dieser Blätter, auf Grund eines mehr als zehnjährigen Darinnenstehens in der anthroposophischen Bewegung und des anthroposophischen Studiums zu dem Geständnis sich genötigt sieht, daß er nirgends weniger wirkliches, erkämpftes und erlebtes Verständnis angetroffen hat für das Wesen der Denkautonomie im tiefsten Sinne Rudolf Steiners und damit letztlich für die Überwindung des abendländischen Theismus und Pantheismus als unter
- Anthroposophen. Das ist vielleicht deswegen so, weil es nicht anders sein kann; und wir haben die Gegebenheiten gelassen hinzunehmen.» (Aus: Rudolf Steiner Blätter Heft 1, Juni 1928)

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«Eine geistige Bewegung müßte sich stets neu entfachen an Ideen, die ihr Wollen verkörpern. (Die schlagkräftigste Bewegung der Gegenwart, der Marxismus, ist eine Ideen-Bewegung, mögen diese Ideen viel oder wenig wert sein. Man weiß hier wenigstens, was man will). Mir schiene es heute darauf anzukommen, daß man in starken Ideen darüber klar zu werden sucht, was man eigentlich als Anthroposophie in die Zeit hineinstellen will. Wir sehen auf vielen Teilgebieten – Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft usw. – anthroposophische Anregungen schönste Früchte hervortreiben, aber man möchte bei alledem fragen: wo bleibt denn die Anthroposophie selbst? Wo bleibt der revolutionäre Impetus, mit dem sich Rudolf Steiner in den neunziger Jahren einer allmächtigen geistigen Reaktion entgegengestemmt hat. Man nimmt die Resultate der Anthroposophie gerne aut, aber gibt man sich Rechenschaft darüber, dass die Gründe, weswegen diese Dinge möglicherweise wahr sind, um nichts weniger revolutionär sind und sein müssen als die des ‹Anarchisten› der neunziger Jahre? Vielmehr: die Methoden, diese Wahrheits-gründe aufzuweisen, legen doch in den voranthroposophischen philosophischen Schriften. Wir werden eine philosophische Erarbeitung des ‹Ereignisses Rudolf Steiner› unterscheiden lernen müssen von bloßer Rezeption von Gedanken. Das Resultat wird ganz und gar nicht Philosophie sein, sondern zweifellos Anthroposophie, aber eine Anthroposophie, die sich von allerhand wohlmeinenden Idealismen und Christlichkeiten zu unterscheiden weiß, die sich in die Diskussionen der Zeit hineinzustellen versteht. Daß Anthroposophie heute im Ernste keine Gegner hat, ist vielleicht ein bedenkliches Zeichen. Der Segen des gegenwärtigen anthroposophischen Schrifttums wirkt nicht aufregend. - ‹Was ist Anthroposophie?› - Ich habe alle Hochachtung vor der begrifflichen Sauberkeit Ungers, aber wenn Unger in seinem ‹offiziellen› Büchlein (Was ist Anthroposophie?›) sagt, Anthroposophie ‹möchte› das Geistige im Menschen mit dem Geistigen im Weltall vereinigen, so hat er zwar aus den ‹ Leitsätzen› richtig abgeschrieben, aber er sagt eine bodenlos naive Dummheit. Mit ‹möchten› läßt sich die Welt nicht imponieren. Wir verraten alle Opfer, wenn wir nicht den Mut haben, es in die Welt zu sagen, daß solche Verbindung tatsächlich geschehen ist. Wir werden die Konsequenzen solcher Behauptung auch in unseren Gedanken ziehen müssen, und die können nichts anderes bedeuten als den Bruch mit einem zweitausendjährigen ‹Christentum›. Statt dessen sehen wir, wie Anthroposophie als Vorspann dienen muß für Reaktionäre in allerhand Christlichkeiten.» (Brief an Keller, 4. Mai 1929).

Mir kommt es auf die Entscheidung der Frage an, ob Anthroposophie sich darin erschöpft, eine Schicksalsbewegung zu sein (als Erfüllung und Vollzug eines von weither angelegten Menschheitskarma), – oder ob sie sich dahin zu entwickeln vermag, eine Ideen-Bewegung zu sein. Das Letztere wird sie niemals im Widerspruch zur Ersteren sein können. Aber unter einer Anthroposophie als Ideen-Bewegung möchte ich doch etwas verstehen, was heute noch nicht ist. Der Hegelialismus war eine Ideen-Bewegung. Er konnte sich auf ein fertig ausgebildetes System des Gedankens stützen. Worauf hätte sich eine anthroposophische Ideen-Bewegung zu stützen. Ich habe mir gegen Unger die polemische Bemerkung erlaubt, dass man die Systematik nicht gar zu leicht diskreditieren sollte. Anthroposophie ist allerdings kein philosophisches System, aber – dies sagte ich Unger – Dr. Steiner selbst wirkte als sein ganzes Werk etwas, was auf höherer Stufe durchaus ein System genannt werden kann. Eine anthroposophische Ideen- Bewegung hätte dasjenige rationell zu durchdringen und darzustellen, was ich mit dem Ausdrucke, dass Ereignis Rudolf Steiner anzudeuten versuchte. (Brief an Weber 20. Januar 1930)

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«Man muß den Mut zum Anthropomorphismus bekommen - es muß aus dem Menschen heraus die Welt gefunden werden», schreibt Rudolf Steiner 1923 in ein Notizbuch. Und 1897 hatte es geheißen (in der Einleitung zu Goethes «Sprüchen in Prosa» in der von Rud. Steiner besorgten Ausgabe der wissenschaftlichen Arbeiten Goethes): «Der Mensch muß die Dinge aus seinem Geiste sprechen lassen, wenn er ihr Wesen erkennen will. Alles was er über dieses Wesen zu sagen hat, ist den geistigen Erlebnissen seines Innern entlehnt. Er muß anthropomorphisch denken. In die einfachste Erscheinung, z.B. in den Stoß zweier Körper bringt man einen Anthropomorphismus hinein, wenn man sich darüber ausspricht».

Kantischer «Subjektivismus»? Um vielleicht durch «Denknot-wendigkeiten» und Aprioritäten etwas logisch auffrisiert zu wer-den? Dann hätte Rudolf Steiner umsonst ein Leben daran gesetzt, um den Kant-Fichteschen «Idealismus» zu vernichten? Von «Erkenntnistheorie» abzusehen, lauten die Folge-Sätze des obigen Zitates: «Man vermenschlicht die Natur, wenn man sie erklärt, man legt die inneren Erlebnisse des Menschen in sie hinein. Aber diese subjektiven Erlebnisse sind («sind»!!; heiliger Kant!) das innere Wesen der Dinge. Und man kann daher nicht sagen, daß der Mensch die objektive Wahrheit, das «An sich» der Dinge nicht erkenne, weil er sich nur subjektive Vorstellungen über sie machen kann. Von einer andern als einer subjektı-ven menschlichen Wahrheit kann gar nicht die Rede sein ... Eine Philosophie kann niemals eine allgemeingültige Wahrheit überliefern, sondern sie schildert die inneren Erlebnisse des Phi-losophen, durch die er sich die äußeren Erscheinungen deutet.» 

(Was ist's um Anthroposophie? August 1928) 

Bücher von Karl Ballmer gibt es bei der Edition LGC zu kaufen:

https://www.edition-lgc.de/i.php?n=A-buch.A-buch

Wir müssen den Mut haben

Dem Drang der menschlichen Seele nach Eingliederung alles Wissens in eine Gesamtanschauung, aus der die höchsten geistigen Bedürfnisse befriedigt werden können, steht in unserer Zeit die Mutlosigkeit unseres Denkens gegenüber, welche es nicht dazu kommen lässt, eine solche Gesamtanschauung zu gewinnen. Diese Mutlosigkeit ist ein charakteristisches Merkmal des geistigen Lebens an der Jahrhundertwende [um 1900 und heute noch]. Sie trübt uns die Freude an den Errungenschaften der jüngstvergangenen Zeiten. 
Wo immer jemand auftritt, der ein Gesamtbild unseres Wissens zu entwerfen sucht, da tönen unzählige von dieser Mutlosigkeit zeugende Stimmen, welche die Unmöglichkeit eines solchen Gesamtbildes betonen, welche behaupten, dass unser Wissen zu einem solchen Abschlüsse noch lange nicht reif sei. Auch solche Stimmen sind hörbar, die die Unmöglichkeit eines solchen Abschlusses verteidigen. Der menschliche Geist hätte gerade durch die Erfolge der Wissenschaften gesehen, wie unfähig er sei, über diejenigen Dinge etwas zu erkennen, die ehedem von den Philosophen zu Gegenständen des Nachdenkens gemacht worden sind. 
Ginge es nach der Meinung der Leute, die solche Stimmen vernehmen lassen, so würde man sich begnügen, die Dinge und Erscheinungen zu messen, zu wägen, zu vergleichen, sie mit den vorhandenen Apparaten zu untersuchen: niemals aber würde die Frage erhoben nach dem höheren Sinn der Dinge und Erscheinungen. Der unerschütterliche Glaube, dass das Denken dazu berufen ist, die Welträtsel zu lösen, ist uns verlorengegangen.  
[...] 
Wo sind die Zeiten, in denen Schiller tiefes Verständnis fand, als er den philosophischen Kopf pries gegenüber dem Brotgelehrten! Jenen, der rückhaltlos nach den Wahrheitsschätzen gräbt, wenn er auch der Gefahr ausgesetzt ist, daß gleich darauf ein zweiter Schatzgräber ihm alles entwertet durch einen neuen Fund, gegenüber dem, der ewig nur das banale, aber unbedingt «wahre»: «Zweimal zwei ist vier» wiederholt. 
Wir müssen den Mut haben, kühn in das Reich der Ideen einzudringen, auch auf die Gefahr des Irrtums hin. Wer zu feig ist, um zu irren, der kann kein Kämpfer für die Wahrheit sein. Ein Irrtum, der dem Geist entspringt, ist mehr wert als eine Wahrheit, die der Plattheit entstammt. Wer nie etwas behauptet hat, was in gewissem Sinne unwahr ist, der taugt nicht zum wissenschaftlichen Denker. Aus feiger Furcht vor dem Irrtum ist unsere Wissenschaft der baren Flachheit zum Opfer gefallen. Es ist geradezu haarsträubend, welche Charaktereigenschaften heute als Tugenden des wissenschaftlichen Forschers gepriesen werden. Wollte man dieselben ins Gebiet der praktischen Lebensführung übersetzen, so käme das — Gegenteil eines festen, entschiedenen, energischen Charakters heraus. 
[...]
Nicht daß die Forscher sich speziellen Aufgaben widmen, ist der Fehler, sondern daß sie in die Welt der Einzelheiten den universellen Geist nicht hineinarbeiten können. Schlimm wäre es, wollten wir an Stelle der Erforschung der individuellen Wesenheiten das Ausspinnen abstrakter Allgemeinheiten und grauer Theorien setzen. Studiere das Sandkorn, aber ergründe, inwiefern es des Geistes teilhaftig ist. 
[...] 
Nicht Mystizismus ist es, was wir hier vertreten wollen. Wer den Geist der Dinge dieser Welt in klaren, durchsichtigen Ideen sucht, der ist keineswegs Mystiker. Es gibt nichts, was mystisches Hell-Dunkel mehr ausschlösse als die kristallklare, bis in die letzten Verzweigungen mit scharfen Konturen ausgestaltete Welt der Ideen. Wer in diese Welt mit menschlicher Schärfe, mit strenger Logik sich einlebt, der wird im Bewußtsein, daß er sein geistiges Reich nach allen Richtungen durchschaut, nichts gemein haben mit dem Mystiker, der nichts schaut, sondern nur ahnt, der die Welt der Gründe nicht ausdenkt, sondern nur anschwärmt. Der Mathematiker ist das Vorbild für den mystikfreien Denker. Also nicht endloses Sammeln von Einzeltatsachen ist unsere Aufgabe, sondern Schärfung des Geistesvermögens für das Schauen der Naturtiefen tut uns zunächst not. 
Unsere Vernunft muß wieder dahin gelangen, sich ihrer Absolutheit bewußt zu sein; und dem feigen, sklavischen Unterordnen derselben unter die drückende Macht der Tatsachen muß ein Ende gemacht werden. Es ist unwürdig, daß ein Höheres, welches die Vernunft doch ist, sich zum bloßen Sammler von Dingen niedrigeren Wertes hergibt. Bestünde die Welt nur aus sinnenfällig wahrnehmbaren Dingen, dann müßte die Vernunft abdanken. Eine Aufgabe hat sie nur, wenn sich in der Welt das findet, was sie zu fassen vermag. Und das ist der Geist. Ihn leugnen, heißt die Vernunft in den Ruhestand versetzen. 
[...] 
Ich habe es oft hören müssen: gegenwärtig sei es unsere Aufgabe, Baustein auf Baustein zu sammeln. Die Zeit sei vorbei, wo man, ohne erst die Materialien zur Hand zu haben, im stolzen Übermut philosophische Lehrgebäude aufführte. Wenn wir erst dieses Materials genug gesammelt haben, dann wird schon das rechte Genie erstehen und den Bau aufführen. Jetzt sei nicht die Zeit zum Systembauen. Diese Ansicht entspringt einer bedauernswerten Unklarheit über die Natur der Wissenschaft. Wenn die letztere die Aufgabe hätte, die Tatsachen der Welt zu sammeln, sie zu registrieren und sie zweckmäßig nach gewissen Gesichtspunkten systematisch zu ordnen, dann könnte man etwa so sprechen. Dann aber müßten wir überhaupt auf alles Wissen verzichten, denn mit dem Sammeln der Tatsachen würden wir wohl erst am Ende der Tage fertig werden, und dann gebräche es uns an der nötigen Zeit, die geforderte gelehrte Registrierarbeit zu vollziehen. 
Wer sich nur einmal klarmacht, was er eigentlich durch die Wissenschaft erreichen will, dem wird die Irrtümlichkeit jener eine unendliche Arbeit in Anspruch nehmenden Forderung gar bald einleuchten. Wenn wir der Natur gegenübertreten, dann steht sie zunächst wie ein tiefes Mysterium vor uns, sie dehnt sich wie ein Rätsel vor unseren Sinnen aus. Ein stummes Wesen bückt uns entgegen. Wie können wir Licht in diese mystische Finsternis bringen? Wie das Rätsel lösen? 
[...] 
Der Blinde, der ein Zimmer betritt, kann nur Dunkelheit in demselben empfinden. Und wenn er noch so lange herumwandelt und alle Gegenstände betastet: Helligkeit wird ihm dadurch nimmer den Raum erfüllen. Wie dieser Blinde der Einrichtung des Zimmers, so steht im höheren Sinne der Mensch der Natur gegenüber, der von der Betrachtung einer unendlichen Zahl von Tatsachen die Lösung des Rätsels erwartet. Es liegt etwas in der Natur, was uns tausend Tatsachen nicht verraten, wenn uns die Sehkraft des Geistes abgeht, es zu schauen. 
Ein jegliches Ding hat zwei Seiten. Die eine ist die Außenseite. Sie nehmen wir mit unseren Sinnen wahr. Dann gibt es aber auch eine Innenseite. Diese stellt sich dem Geiste dar, wenn er zu betrachten versteht. An seine eigene Unfähigkeit in irgendeiner Sache wird niemand glauben. Wer bei sich die Fähigkeit vermißt, diese Innenseite wahrzunehmen, der leugnet sie am liebsten dem Menschen ganz ab, oder er verschreit diejenigen als Phantasten, die vorgeben, sie zu besitzen. Gegen ein absolutes Unvermögen läßt sich nichts machen, und man könnte die nur bedauern, die wegen desselben nie zur Einsicht in die Tiefen des Weitwesens kommen können. Der Psychologe aber glaubt nicht an diese Unfähigkeit. Jeder geistig normal entwickelte Mensch hat das Vermögen, in jene Tiefen bis zu einem gewissen Punkte hinunterzusteigen. Aber die Bequemlichkeit des Denkens verhindert viele daran. Ihre geistigen Waffen sind nicht stumpf, aber die Träger sind zu lässig, sie zu handhaben. Es ist ja unendlich viel bequemer, Tatsache auf Tatsache zu häufen, als die Gründe für dieselben durch das Denken aufzusuchen. Vor allem ist bei solcher Tatsachenhäufung der Fall ausgeschlossen, daß ein anderer kommt und das von uns Vertretene umstößt. Man kommt auf diese Weise nie in die Lage, seine geistigen Positionen verteidigen zu müssen; man braucht sich nicht darüber aufzuregen, daß morgen von jemand das Gegenteil unserer heutigen Aufstellungen vertreten wird. Man kann sich, wenn man bloß mit tatsächlicher Wahrheit sich abgibt, hübsch in dem Glauben wiegen, daß uns diese Wahrheit niemand bestreiten kann, daß wir für die Ewigkeit schaffen. Jawohl, wir schaffen auch für die Ewigkeit, aber wir schaffen bloß Nullen. Diesen Nullen durch das Vorsetzen einer bedeutungsvollen Ziffer in Form einer Idee einen Wert zu verleihen, dazu fehlt uns eben der Mut des Denkens. Davon haben heute wenige Menschen eine Ahnung: daß etwas wahr sein kann, auch wenn das Gegenteil davon mit nicht geringerem Rechte behauptet werden kann. Unbedingte Wahrheiten gibt es nicht. Wir bohren tief in ein Ding der Natur, wir holen aus den verborgensten Schachten die geheimnisvollsten Weisheiten herauf; wir drehen uns um, bohren an einer zweiten Stelle: und das Gegenteil zeigt sich uns als ebenso berechtigt. Daß eine jede Wahrheit nur an ihrem Platze gilt, daß sie nur so lange wahr ist, als sie unter den Bedingungen behauptet wird, unter denen sie ursprünglich gegründet ist, das muß vor allem begriffen werden. 
[...] 
Wo sind die Zeiten, in denen Schiller tiefes Verständnis fand, als er den philosophischen Kopf pries gegenüber dem Brotgelehrten! Jenen, der rückhaltlos nach den Wahrheitsschätzen gräbt, wenn er auch der Gefahr ausgesetzt ist, daß gleich darauf ein zweiter Schatzgräber ihm alles entwertet durch einen neuen Fund gegenüber dem, der ewig nur das banale, aber unbedingt «wahre»: «Zweimal zwei ist vier» wiederholt. Wir müssen den Mut haben, kühn in das Reich der Ideen einzudringen, auch auf die Gefahr des Irrtums hin. Wer zu feig ist, um zu irren, der kann kein Kämpfer für die Wahrheit sein. Ein Irrtum, der dem Geist entspringt, ist mehr wert als eine Wahrheit, die der Plattheit entstammt. Wer nie etwas behauptet hat, was in gewissem Sinne unwahr ist, der taugt nicht zum wissenschaftlichen Denker.

 Aus Rudolf Steiner, Methodische Grundlagen der Anthroposophie, Gesammelte Aufsätze 1884-1901 

http://bdn-steiner.ru/cat/ga/030.pdf 

Individualismus erleben

 "Sehen Sie, das wirkliche Erleben des Geistigen wird überall, wo man dieses Geistige trifft, Individualismus. Das Definieren wird überall Allgemeines. Wenn man durchs Leben geht, einzelnen Menschen gegenübertritt, muß man ein offenes Herz, einen offenen Sinn haben für diese einzelnen Menschen. Man muß sozusagen jedem einzelnen individuellen Menschen gegenüber in der Lage sein, ein ganz neues Menschengefühl zu entwickeln. Man wird nur dadurch dem Menschen gerecht, daß man in jedem einzelnen einen neuen Menschen sieht. Aus dem Grunde hat jeder Mensch uns gegenüber das Recht, daß wir ihm gegenüber ein neues Menschengefühl entwickeln. Denn wenn wir mit einem allgemeinen Begriffe kommen und sagen, so sollte der Mensch sein in dieser oder jener Hinsicht, dann tun wir ihm unrecht. Mit jeder Definition des Menschen setzen wir uns eigentlich eine Brille auf, um den individuellen Menschen nicht sehen zu können."

Rudolf Steiner in: Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben von alter und junger Generation, Pädagogischer Jugendkurs, Dreizehn Vorträge, gehalten in Stuttgart vom 3. bis 15. Oktober 1922, S. 62

https://rudolfsteinerelib.org/Download/German/Geistige_Wirkenskr%C3%A4fte_im_Zusammenleben_von_alter_und_junger_Generation-Rudolf_Steiner--217.pdf 

«Du, meines Erdenraumes Geist»

von Marc Desaules
Beim Blick in die Welt erleben wir gegenwärtig, dass an jedem Tag unser Rechtsempfinden neu strapaziert wird. Dinge finden statt, die vorher nie denkbar gewesen wären. Und sie treffen unser Dasein als Menschen und als Menschheit zutiefst. Die über lange Zeit aufgebaute Rechtsordnung zwischen den Menschen, zwischen den Institutionen und zwischen den Ländern - sie trägt nicht mehr.
Was kann in dieser Situation der Einzelne noch tun, um neue Ordnung zu ermöglichen? Zuerst, den Horizont erwei-tern. Denn, so Rudolf Steiner, es sind Wesen im Geistes, im Rechts- und im Wirtschaftsleben wirksam: Im Geistesleben stossen wir auf das Wirkensgebiet der Engel, im Rechtsleben auf das der Erzengel und im Wirtschaftsleben auf dasjenige der Archai. Im Volksseelenzyklus («Die Mission einzelner Volksseelen», GA 121) zeigt er auf, wie diese Wesen uns in allem, was wir im Sozialen tun, begleiten, und legt damit offen, was im Hintergrund der weltpolitischen Ereignisse geschieht, je nach dem freilassend oder bestimmend.
Das ist nicht nur einfach. Denn in jeder menschlichen Gemeinschaft tritt uns nicht nur ein Wesen, sondern gleich deren vier entgegen: der Erzengel, der als Volksgeist unser Zusammensein auf dem Fleck Erde, wo wir leben, begleitet und der sich in der erlebten Zugehörigkeit und in den Regeln, die wir uns gegenseitig zusprechen, zeigt. Er kann als unseres Erdenraumes Geist angesprochen werden. Ihm zur Seite steht, auch als Erzengel, der Sprachgeist, mächtiger als er wirkend, weil er ein zweimal zurückgebliebener Geist ist.
Über dem Volksgeist west der Zeitgeist, ein Arche, der die Qualität einer Epoche trägt - das ist zurzeit die weltweite kosmopolitische Prägung. Ihm zur Seite ist mit dem Denkgeist zu rechnen, auch als Arche, aber auch stärker als der Zeitgeist wirkend, weil einmal zurückgeblieben. Unfrei lassend bestimmt dieser eine Denkweise nach den materialistischen Gegebenheiten und nach allerlei Gruppenmustern, wie die Nationalismen, und wirkt dezidiert gegen den Zeitgeist.
So ist der geistige Hintergrund unser menschliches Beisammensein gebildet. Nun gilt es, die Wirkungen zu durch-schauen. Schon bei der Unterscheidung zwischen Sprach-und Volksgeist beginnt das Problem, weil diese in ständiger Konkurrenz sind. Beide sind Erzengel, aber wie erkennen wir den Volksgeist? Anders als die Menschen unserer Nachbarlander haben wir Schweizer in dieser Hinsicht einen Vorteil. Als Romand vermag ich zu unterscheiden, was mich mit Frankreich durch die Sprache, aber auch deutlich, was mich mit der Schweiz verbindet - nicht einfach, wenn Land und Sprache übereinstimmen. Ähnlich und gleichermassen wichtig ist es, zu erkennen, was dem Zeitgeist und was dem Denkgeist entspricht, was zur Qualität unserer Zeit gehört, Menschen fördernd, und was dagegen sich ausbreitet, Menschen bedrängend.
Wenn uns nun beim Blick in die heutige Welt die Orientierung zu verlassen droht, so sollten wir den eigenen Horizont so erweitern, dass wir unseren Volkgeist - dies in allen Ländern der Welt - in die Gleichung einbeziehen. Denn aden Friedenssphären seines Wirkens vermag er neue Wege zu schaffen, wo wir die Orientierung verlieren. Damit er dies tun kann, braucht er jedoch unsere Hilfe, die Hilfe eines jeden einzelnen Menschen!
Das können wir aus dem Spruch, den Rudolf Steiner in den ersten Tagen nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, am 16. August 1914, gegeben hat: Du, meines Erdenraumes Geist - so wird unser Erzengel, unser Volksgeist angesprochen.
Enthülle deines Alters Licht - anders gesagt, zeige mir dein wahres Wesen, damit ich dich nicht mit einem anderen Geist, der in der Gemeinschaft wirkt, verwechsle.
Der Christ-begabten Seele. - Christ-begabt? Was ist gemeint?
Sicher nichts, was mit der Religion zu tun hat. Es geht um eine Haltung, die in jedem Menschen heute wachsen kann: bereit sein zu verantworten, also die vollen Konsequenzen des eigenen Tuns tragen zu wollen. Es bedeutet, eine Beziehung zu schaffen mit dem Auferstehungsleib.
Der Spruch erscheint also vorerst als eine Bitte, an die geistige Welt gerichtet, eine Bitte, die sich an den Geist wendet, der auf Erden mein Zusammenleben mit den anderen Menschenseelen begleitet. Durch diese Bitte wird aber die Seele aufgefordert, die Geister, von denen sie in Gemeinschaften auf Erden begleitet wird, aufzusuchen und zu unterscheiden.
Eine schwierige Aufgabe, die sich aber wirklich lohnt, weil:
Dass strebend sie finden kann - die Christ-begabte Seele ist, im Verantwortenwollen der Konsequenzen ihres Wirkens, auch eine strebende.
Im Chor der Friedenssphären - wo befindet sich der Volks-geist? Der Volksgeist ist in den Friedens-sphären mit all den anderen Volksgeistern zu finden. Kriege entstehen nicht aus der Wirkung der Volksgeister, sondern immer ausserhalb.
Dich tönend von Lob und Macht - indem die Seele ernsthaft strebt, so findet sie auch ihr Volksgeist. Er ist da und tönt. Woher?
Des Christ-ergebenen Menschensinns.-Aus Lob und Macht, die aus dem erwachten Menschensinn strahlen. Denn seit dem Mysterium von Golgatha, ist Christus nicht mehr in den Himmel, sondern auf der Erde mit den Men-schen. Dadurch sind die Geister von uns Menschen abhängig geworden, um Christus zu erleben. Wird dieser Vorgang, der bei uns beginnt, möglich, so können Wunder passieren! Wir können unseren Volksgeist befähigen! Und befähigt, wird er auch den Weg im Chor der Friedensphären finden - und wir die Orientierung, als Echo aus der anderen Seite der Schwelle.
Wer sonst, wenn nicht wir, können hier in der heutigen Zeit tätig werden!

Geist-Verstehen und Schicksals-Erleben

Das Verständnis des anthroposophischen Erkennens kann gefördert werden, wenn die menschliche Seele immer wieder auf das Verhältnis von Mensch und Welt hingelenkt wird.
Richtet der Mensch die Aufmerksamkeit auf die Welt, in die er hineingeboren wird und aus der er herausstirbt, so hat er zunächst die Fülle seiner Sinneseindrücke um sich. Er macht sich Gedanken über diese Sinnes-Eindrücke.
Indem er dieses sich zum Bewußtsein bringt: «Ich mache mir Gedanken über das, was mir meine Sinne als Welt offen-baren», kann er schon mit der Selbstbetrachtung einsetzen. Er kann sich sagen: in meinen Gedanken lebe «Ich». Die Welt gibt mir Veranlassung, in Gedanken mich zu erleben. Ich finde mich in meinen Gedanken, indem ich die Welt betrachte.
So fortfahrend im Nachsinnen verliert der Mensch die Welt aus dem Bewußtsein; und das Ich tritt in dieses ein. Er hört auf, die Welt vorzustellen; er fängt an, das Selbst zu erleben.
Wird umgekehrt die Aufmerksamkeit auf das Innere ge-richtet, in dem die Welt sich spiegelt, so tauchen im Bewußtsein die Lebensschicksalsereignisse auf, in denen das menschliche Selbst von dem Zeitpunkte an, bis zu dem man sich zurück-erinnert, dahingeflossen ist. Man erlebt das eigene Dasein in der Folge dieser Schicksals-Erlebnisse.
Indem man sich dieses zum Bewußtsein bringt: «Ich habe mit meinem Selbst ein Schicksal erlebt», kann man mit der Weltbetrachtung einsetzen. Man kann sich sagen: In meinem Schicksal war ich nicht allein; da hat die Welt in mein Erleben eingegriffen. Ich habe dieses oder jenes gewollt; in mein Wollen ist die Welt hereingeflutet. Ich finde die Welt in meinem Wollen, indem ich dieses Wollen selbstbetrachtend erlebe.
So fortfahrend, sich in das eigene Selbst einlebend, verliert der Mensch das Selbst aus dem Bewußtsein; die Welt tritt in dieses ein. Er hört auf, das Selbst zu erleben; er fängt an, die Welt im Erfühlen gewahr zu werden.
Ich denke hinaus in die Welt; da finde ich mich; ich versenke mich in mich selbst, da finde ich die Welt. Wenn der Mensch dieses stark genug empfindet, steht er in den Welt- und Men-schenrätseln drinnen.
Denn fühlen: man müht sich im Denken ab, um die Welt zu ergreifen, und man steckt in diesem Denken doch nur selbst darinnen, das gibt das erste Welträtsel auf.
Vom Schicksal in seinem Selbst sich geformt fühlen und in diesem Formen das Fluten des Weltgeschehens empfinden; das drängt zum zweiten Welträtsel hin.
In dem Erleben dieses Welt- und Menschenrätsels erkeimt die Seelenverfassung, in der der Mensch der Anthroposophie so begegnen kann, daß er in seinem Innern von ihr einen Eindruck erhält, der seine Aufmerksamkeit erregt.
Denn Anthroposophie macht nun dieses geltend: Es gibt ein geistiges Erleben, das nicht im Denken die Welt verliert.
Man kann auch im Denken noch leben. Sie gibt im Meditieren ein inneres Erleben an, in dem man nicht denkend die Sinnes-welt verliert, sondern die Geistwelt gewinnt. Statt in das Ich einzudringen, in dem man die Sinnen-Welt versinken fühlt, dringt man in die Geist-Welt ein, in der man das Ich erfestigt fühlt.
Anthroposophie zeigt im weiteren: Es gibt ein Erleben des Schicksals, in dem man nicht das Selbst verliert. Man kann auch im Schicksal noch sich selbst als wirksam erleben. Sie gibt in dem unegoistischen Betrachten des Menschenschicksals ein Erleben an, in dem man nicht nur das eigene Dasein, sondern die Welt lieben lernt. Statt in die Welt hineinzustarren, die in Glück und Unglück das Ich auf ihren Wellen trägt, findet man das Ich, das wollend das eigene Schicksal gestaltet. Statt an die Welt zu stoßen, an der das Ich zerschellt, dringt man in das Selbst ein, das sich mit dem Weltgeschehen verbunden fühlt.
Das Schicksal des Menschen wird ihm von der Welt bereitet, die ihm seine Sinne offenbaren. Findet er die eigene Wirksamkeit in dem Schicksalswalten, so steigt ihm sein Selbst wesenhaft nicht nur aus dem eigenen Innern, sondern es steigt ihm aus der Sinneswelt auf.
Kann man auch nur leise empfinden, wie im Selbst die Welt als Geistiges erscheint und wie in der Sinneswelt das Selbst sich als wirksam erweist, so ist man schon im sicheren Verstehen der Anthroposophie darinnen.
Denn man wird dann einen Sinn dafür entwickeln, daß in der Anthroposophie die Geist-Welt beschrieben werden darf, die vom Selbst erfaßt wird. Und dieser Sinn wird auch Verständnis dafür entwickeln, daß in der Sinneswelt das Selbst auch noch anders als durch Versenken in das Innere gefunden werden kann. Anthroposophie findet das Selbst, indem sie zeigt, wie aus der Sinneswelt für den Menschen nicht nur sinnliche Wahrnehmungen sich offenbaren, sondern auch die Nachwirkungen aus seinem vorirdischen Dasein und aus den vorigen Erdenleben.
Der Mensch kann nun in die Welt der Sinne hinausblicken und sagen: da ist ja nicht nur Farbe, Ton, Wärme; da wirken auch die Erlebnisse der Seelen, die diese Seelen vor ihrem gegenwärtigen Erdendasein durchgemacht haben. Und er kann in sich hineinblicken und sagen: da ist nicht nur mein Ich, da offenbart sich eine geistige Welt.
In einem solchen Verständnisse kann der von den Welt- und Menschenrätseln berührte Mensch sich mit dem Eingeweihten zusammenfinden, der, nach seinen Einsichten, von der äußeren Sinneswelt so reden muß, als ob aus derselben nicht nur sinnliche Wahrnehmungen sich kundgäben, sondern die Eindrücke von dem, was Menschenseelen im vorirdischen Dasein und in verflossenen Erdenleben gewirkt haben; und der von der inneren Selbst-Welt aussagen muß, daß sie Geistzusammenhängeoffenbart, so eindrucks- und wirkungsvoll, wie die Wahrnehmungen der Sinneswelt sind.
Bewußt sollten sich die tätig sein wollenden Mitglieder zu Vermittlern dessen machen, was die fragende Menschenseele als Welt- und Menschenrätsel fühlt, mit dem, was die Ein-geweihten-Erkenntnis zu sagen hat, wenn sie aus Menschen-Schicksalen eine vergangene Welt heraufholt, und wenn sie aus seelischer Erkraftung die Wahrnehmung einer Geist-Welt erschließt.
So kann im Arbeiten der tätig sein wollenden Mitglieder die Anthroposophische Gesellschaft zu einer echten Vorschule der Eingeweihten-Schule werden. Auf dieses wollte die Weih-nachtstagung kräftig hinweisen; und wer diese Tagung richtig versteht, wird mit diesem Hinweisen fortfahren, bis ein genügendes Verständnis dafür der Gesellschaft wieder neue Aufgaben bringen kann.

Sagen Sie immer die Wahrheit

Der geheime Rat und seine Absichten

Im 3. Bild gibt es eine Schlüsselszene, in der der Geheime Rat über seine Ziele und Absichten berät. Es heisst da, gesprochen von dem Grossmeister des Ordens Del Val: «Unser Orden hat in seiner vieltausendjährigen Geschichte oft eingreifen mussen, um zu verhindern, dass die Menschheit verführt wurde durch Lehren und Bewegungen, die ihr hätten gefährlich werden können. Wenn eine Gefahr sich zeigte, hat unser Orden sie zuerst überwacht und dann eingegriffen.
Manchmal genügte das Verschweigen oder das Lächerlichmachen. Manchmal mussten unsre Eingriffe radikaler sein. Schwache Seelen mögen das ‹erbarmungslos› genannt haben. In Wirklichkeit war es einfach notwendig. Die Menschheit muss geführt werden von denen, die das tiefere Wissen über ihre Gesetze haben, ein Wissen, das nur wenige besitzen können. Wenn dies Wissen unter die Masse verbreitet würde, wenn die Macht und Autorität den Wenigen entschlüpfte, müsste die Menschheit dem Chaos verfallen.»

Es wird dann rückblickend auf das 20. Jahrhundert von Rudolf Steiner gesprochen, ohne dass der Name genannt wird. Eine erstaunlich klare Würdigung Rudolf Steiners und seiner spirituellen Leistungen, allerdings aus der Perspektive der Gegner: «Eine Gefahr, die unser Orden zu bekämpfen hattr, kam von einem einzigartig begabten Manne. Niemand kannte wie er die Geheimnisse des Himmels und der Erde. Er appellierte weder an Schmerz und Enttäuschung der Massen, noch an Hass und Begeisterung der Wenigen. Er wandte sich an alle und an niemand. Er benahm sich wie ein stiller Gelehrter und war in Wirklichkeit der gewaltigste Revolutionär, den die Geschichte kennt. Er appellierte an das gesunde Wahrheitsempfinden, und dies verwandelte er allmählich so, dass es fähig wurde, die Wahrheiten zu erkennen, die bisher von den Massen mit Glauben entgegengenommen worden waren. Er brachte Ordnung in die Gedanken der Menschen und führte sie in die Sphäre der Objektivität, wo die Gegensätze der persönlichen Gesichtspunkte aufhören, wo aber auch die Autorität aufhört, weil gegenüber der Wahrheit sich alle als gleich empfinden. Er weckte diejenigen moralischen Kräfte, die im Ich des einzelnen entspringen, und er lehrte ganz öffentlich den Weg der Einweihung, ohne dass dabei der Schüler in Abhängigkeit zum Lehrer geriet. Seine Lehre umfasste alle Gebiete des Wissbaren und verwandelte alles. Umgestossen wurde durch ihn die Handhabung aller oftenbaren und verborgenen Gesetze, wodurch wir bis dahin die Menschheit gelenkt hatten.»
Eine eindringliche Charakterisierung des Wesens und Wirkens Rudolf Steiners, von der ‹ schwarzen Seite›, durch die Augen der Gegner von Freiheit und Individualisierung. Da kann Rudolf Steiner nur als der grösste Revolutionär und die grösste Gefahr erscheinen! Sehr interessant und weiter auszuloten erscheint mir die Aussage, dass durch diesen «stillen Gelehrten» und «gewaltigsten Revolutionär» die Handhabung «aller offenbaren und verborgenen Gesetze» umgestossen wurde. Was heisst das, nicht nur für die schwarzen Logen und die Machteliten dieser Welt, sondern überhaupt für den guten Fortschritt der Menschheit?
Dann wird in dem Drama Der Ruf des Montecorvo beschrieben, wie sich die dunkle Gegenseite der Schüler dieses Eingeweihten annahm: Wie diese aus dem öffentlichen Leben verdrängt wurden, die Werke des Eingeweihten beschlagnahmt und verboten wurden, wie seine Schüler als Staatsfeinde verurteilt, ja manche von ihnen ermordet wurden – man denke an Carl Unger, den ersten Märtyrer der anthroposophischen Bewegung, der am 4. januar 1929 von einem Geisteskranken in Nürnberg erschossen wurde.

«Heute kehren sie wieder» 

Und dann kommen von dem Grossmeister Del Val die Worte, fiktiv verortet von Paolo Gentilli in der Zukunft: «Heute jedoch kehren sie wieder.» Diese wiederverkörperten Anthroposophen werden dann sehr differenziert beschrieben, wiederum aus der Sicht der schwarzmagischen Logen: «Jedoch die andern, die in Verbindung mit jenem Manne und mit seiner Lehre sich verwandelt hatten, besonders diejenigen, die zur Einweihung gelangt waren, die werden zu ebensovielen Aktionszentren gegen uns. Ihre Anwesenheit wirkt. Für uns wird es um so schwieriger sein, sie zu bekämpfen, als es nicht leicht sein wird, sie zu er-kennen. Da ist keine Organisation. Sie kennen sich selbst nicht einmal untereinander. Es gibt nichts, womit man sie der Polizei kenntlich machen kann.»
Der Hass auf die wiedergekehrten Schüler Rudolf Steiners macht den Grossmeister Del Val zutiefst hellsichtig für das Wesen und Wirken dieser Menschen. Er spricht warnend zu seinen Brüdern:
«Jene Menschen sind imstande, ohne Organisation zusammenzuarbeiten. Sie tretten sich in der Sphäre der Objektivität (...). Daher wird ihr Handeln bei aller Selbständigkeit stets auf das gleiche Ziel gerichtet sein. Es wird nie auseinanderstreben. Wenn sie sich zufällig begegnen, erkennen sie sich leicht durch die Art, wie sie ihre Begriffe bilden. Ausserdem ist in Betracht zu ziehen, dass in den Besten von ihnen noch eine Erinnerung an frühere Leben lebendig sein muss.»
An dieser Stelle muss man voller Hochachtung festhalten, dass Paolo Gentilli im Jahre 1943 nicht nur die Reinkarnation von Schülern Rudolf Steiners mit künstlerischen Mitteln in einem Drama darstellt, sondern dass er sehr präzise sowohl die Intentionen schwarzmagisch wirkender Logen beschreibt, als auch konkret die Metamorphose von reinkarnierten Anthroposophen zum Ausdruck bringen kann. «Sagen Sie immer die Wahrheit», ist dabei ein Schlüsselsatz, wobei man an das Christuswort denken muss: «Sie werden die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird sie frei machen.» Und dann die Äusserung des Grossmeisters: «Ihre Anwesenheit wirkt.» Menschen, die durch die Art ihres Daseins auf andere Menschen weckend und begeisternd wirken. «Sie sind imstande, ohne Organisation zusammenzuarbeiten.» Der lebendige Geist vereint sie, die Sphäre der Objektivität gibt ihnen einen gemeinsamen Grund, und sie erkennen sich an der Art zu denken («wie sie ihre Begriffe bilden»). An dieser Stelle könnte man noch hinzufügen: Sie erkennen sich auch an der Art des Fühlens, ein bewusstes Fühlen gerade im Spirituellen und Künstlerischen. Und die Besten von ihnen werden sich an frühere Erdenleben erinnern können. Später heisst es dann noch über die moralischen Kräfte dieser Menschen: «Das Gefährliche ist, dass das Beispiel dieser Leute ansteckend wirkt. Sie wecken das Gewissen der andern.»

GEGENWART Zeitschrift für Kultur, Politik, Wirtschaft Nr. 4/2024, Der Ruf des Montevorvo – ein Drama von Paolo Gentilli und die Michael-Prophetie Rudolf Steiners, von Steffen Hartmann, S.34f

Goethe in unserer Zeit

GOETHE IN UNSERER ZEIT

Rudolf Steiners Goetheanismus
als Forschungsmethode

Herausgegeben von der Naturwissenschaftlichen Sektion
am Goetheanum
Dornach
durch
Dr. Guenther Wachsmuth

 1949

HYBERNIA-VERLAG DORNACH - BASEL

Vorwort des Herausgebers

In einer Studie über den «Einfluß des Ursprungs wissenschaftlicher Entdeckungen» sagt Goethe: «Was würden wir von dem Architekten sagen, der durch eine Seitentüre in einen Palast gekommen wäre und nun, bei Beschreibung und Darstellung eines solchen Gebäudes, alles auf diese erste untergeordnete Seite beziehen wollte? und doch geschieht dies in den Wissenschaften jeden Tag.»
Goethe erwartete vom forschenden Menschen, daß er die zufällige Seitenpforte, durch die er den Palast des Weltalls betreten hat, nicht zum Hauptportal mache, sondern erst das Ganze betrachte, ehe er in die Beschreibung des Einzelnen geht. Auch wer in diesem Sinne als Architekt, als werdender Baumeister im Reich der Erkenntnis, das Werk Goethes betrachtet, das diesen Palast des Weltalls widerspiegelt, muß Jahrzehnte wandern, um die Ganzheit zu schauen.
Goethe fordert aber vom Menschen nicht nur das Bewundern, Darstellen, Beschreiben, sondern daß der Architekt selbst neue Bauten errichte, die des erlebten Urbildes würdig sind, die das Begonnene weiterführen, Metamorphosen des Keimes, der im Erlebnis solchen Werkes in die Seele gepflanzt wurde. Rudolf Steiner, der zu neuen Erkenntnissen führte, die dem Zeitgeist unserer Epoche gerecht werden, war ein solcher Baumeister. Und er rief Schüler auf, an dem goetheanistischen Werk mitzubauen, aus dem Erlebnis des Ganzen Gewölbe und Säulen, Türen und Fenster, Stufen und Räume individuell zu gestalten, im Geiste des Bauplanes schöpferisch tätig zu sein.
Goethe sagt im Vorwort seiner morphologischen Studien: «Wie wenige fühlen sich von dem begeistert, was eigentlich nur dem Geiste erscheint!» Goethes Geistgestalt lebt heute nicht nur in seinem Werk, das ein Jubeljahr feiern kann, sondern in Menschen, die von seiner ewigen Entelechie begeistert in die Zukunft schreiten und immer neue Schönheiten im Palast des Weltalls entdecken. Jede solche Entdeckung führt im Sinne Goethes zur Erkenntnis, daß Weltall und Erde Lebewesen sind, daß jeder fruchtbare menschliche Gedanke ein Geisteskeim ist, der durch viele Metamorphosen wächst, sich entfaltet, neue Schöpfungen aus sich gebiert. Daß das 20. Jahrhundert nicht nur auf Goethe zurückblicken kann, sondern mit ihm in die Zukunft schreitet, daß uns der Goetheanismus und das Werk Rudolf Steiners die Möglichkeit geben, die Welt täglich neu sehen zu lernen und in die Planung des Ganzen einzudringen, dafür sei 200 Jahre nach Goethes Geburt Zeugnis abgelegt, indem der Versuch gewagt wird, nach seiner Forschungsmethode einige der unerschöpflichen Aspekte darzustellen, die sich dem Wandernden im Palast der Schöpfung auftun.
Goethes Werk ist Werden und Zukunft. Im folgenden stehen neben Grundskizzen der Architektonik des Ganzen auch Erlebnisberichte der Wandernden. Bei der Fülle der Beiträge, die heute schon möglich wären, mußte eine Auswahl getroffen werden, die durch die räumliche Begrenzung eines solchen Jahrbuches gegeben ist. Für die Mithilfe bei den Vorarbeiten bin ich Herrn Dr. Hermann Poppelbaum, Herrn Joachim Schultz und Herrn E. Estermann dankbar. Den Autoren danke ich im Namen des Goetheanums für ihre Mitarbeit. Weitere Publikationen sind auch für die folgenden Jahre vorgesehen.
Möge der im Geiste ewig lebende Goethe die forschende Menschheit durch die kommenden Jahrhunderte begleiten. 

Für die Naturwissenschaftliche Sektion am Goetheanum:

Dr. Guenther Wachsmuth

Anthroposophie kurz & knackig

Anthroposophie - Weisheit vom Menschen

Allgemein:
Was ist der Mensch?

Pädagogik:
Der werdende Mensch als Geistwesen hier auf der Erde

Medizin:
Geist mit Seele und Leib harmonisieren. Aus Krankheiten lernen.

Kunst:
Schöpferisch tätig sein lernen - für alle Lebensbereiche (Das Theorem)

Wissenschaft:
Das Lebendige verstehen wollen (Das Problem)

Architektur:
Formen des Lebendigen nachbauen.

Bewegung:
Sich mit sich selbst verbinden.

Biographie:
Rythmen, Gesetze und Karme versehen und erkennen.

Musik:
Seelenpflege druch Geistkultur

Landwirtschaft:
Als Teil der Natur diese erheben.

Meditation:
Das höhere Selbst einladen und die Seele empfänglich machen.

Gesellschaft:
Lernen zusammen liebevoll tätig zu werden.

Arbeit:
Nur für andere arbeiten. 

Technik:
Durch äußere Erleichterung innerlich tätiger werden.


Steiner, Fichte und die Geisteswissenschaft






 


 


Text:  Gedanken während der Zeit des Krieges (1915), Steiner, Rudolf, (1861-1925), S. 19f

Quelle: https://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV021007989


Handlungspädagogik

"Die Waldorfpädagogik [...] hat aber [...] eigene innere Hemmnisse aufgebaut, bestimmten pädagogisch-menschenkundlichen Ur-Ideen [...] die Treue zu halten.

"Ich will auf der Erde leben. Ich will den Planeten Erde kennenlernen. Ich will zu einer gedeihlichen Entwicklung der Erde beitragen."

"Der junge Mensch findet in seinem Klassenzimmer den optimalen Ort, an der er von den Naturreichen und vom Wirken der Elemente fast völlig abgeschnitten ist."

"Da das heutige Kind [...] während der ersten sieben Lebensjahre von den Naturreichen schon stark abgeschnitten aufwächst, bildet es sich in weitgehender Unverbundenheit mit der Erde [...] zu einer folgendschweren Fremdheit im eigenen Leibe heran."

"Die Folgen der Entfremdung des Menschen von Erde und Leib beeinträchtigen nicht nur ihn selbst, sondern zunehmend den ganzen Erdplaneten."

"Das moderne Urbild einer solchen "vollständigen Umgebung" (Goethe) ist der bäuerlich-landwirtschaftliche Hof – für das kleinere Kind zunächst der Garten."

"Das Nachahmungsgenie des Kindes ermöglicht es ihm, unaufgefordert und ungehindert, ohne Belehrung, in dem Tätigkeitsstrom der dort Arbeitenden "mitzuschwimmen"".

"Für das erste Jahrsiebt ist der Hof deshalb ein besonders geeigneter Lern- und Lebensort; denn hier werden nicht nur Fähigkeiten, hier wird Gesundheit erworben. Vor allem aber wird hier erworben: Verbundenheit mit den Naturwesen."

"Er spielt arbeitend und arbeitet spielend im Willensstrom des arbeitenden Erwachsenen, der das Kind in den Kreis seine Aufmerksamkeit einlässt, seine Tätigkeit für eine Weile verlangsamt, zeigt, beschreibt, erzählt, aber nicht erklärt."

"Arbeite so, wie die Umgebung es erfordert."

"Der Erfolg der Übung hängt ganz und gar von den Fähigkeiten und der Flexibilität der Mitwirkenden ab und von dem Willen und dem Mut, tradierte Gemeinschafts- und Wirtschaftsformen nach den Erfordernissen der sich selbst erziehen wollenden Menschen zu verwandeln."

"Seit langem wird ja in Zweifel gezogen, ob die Schule in der Mittelstufe überhaupt der geeignete Ort für Bildung und Erziehung sei."

"1919 formulierte Steiner: "Heute ist es notwendig, dass die Menschen sich entschließen, in diesen Dingen bis in die Fundamente hinein umzudenken. (11. Mai 1919)"

Quelle: "Teilnehmen bildet – Gedanken zur Heilpädagogik" Text: Peter Guttenhöfer, veröffentllicht in: Schulkreis - Die Zeitschrift der Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz, Ausgabe Winter 22.

Die Dreigliederung des Menschen

I. Die leibliche Wesenheit des Menschen

Durch leibliche Sinne lernt man den Leib des Menschen kennen. Und die Betrachtungsart kann dabei keine andere sein als diejenige, durch welche man andere sinnlich wahrnehmbare Dinge kennen lernt. Wie man die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere betrachtet, so kann man auch den Menschen betrachten. Er ist mit diesen drei Formen des Daseins verwandt. Gleich den Mineralien baut er seinen Leib aus dem Stoffen der Natur auf; gleich den Pflanzen wächst er und pflanzt sich fort; gleich den Tieren nimmt er die Gegenstände um sich herum wahr und bildet auf Grund ihrer Eindrücke in sich innere Erlebnisse. Ein mineralisches, ein pflanzliches und ein tierisches Dasein darf man daher dem Menschen zusprechen.

Die Verschiedenheit im Bau der Mineralien, Pflanzen und Tiere entspricht den drei Formen ihres Daseins. Und dieser Bau - die Gestalt - ist es, was man mit den Sinnen wahrnimmt und was man allein Leib nennen kann. Nun ist aber der menschliche Leib von dem tierischen verschieden. Diese Verschiedenheit muss jedermann anerkennen, wie er auch über die Verwandtschaft des Menschen mit den Tieren sonst denken mag. Selbst der radikalste Materialist, der alles Seelische leugnet, wird nicht umhin können, den folgenden Satz zu unterschreiben, den Carus in seinem «Organon der Erkenntnis der Natur und des Geistes» ausspricht:

«Noch immer bleibt zwar der feinere innerlichste Bau des Nervensystems und namentlich des Hirns dem Physiologen und Anatomen ein unaufgelöstes Rätsel; aber dass jene Konzentration der Gebilde mehr und mehr in der Tierreihe steigt und im Menschen einen Grad erreicht, wie durchaus in keinem anderen Wesen, dies ist eine vollkommen festgestellte Tatsache; es ist für die Geistesentwicklung des Menschen von höchster Bedeutung, ja wir dürfen es geradezu aussprechen, eigentlich schon die hinreichende Erklärung. Wo der Bau des Hirns daher nicht gehörig sich entwickelt hat, wo Kleinheit und Dürftigkeit desselben, wie beim Mikrozephalen und Idioten, sich verraten, da versteht es sich von selbst, dass vorn Hervortreten eigentümlicher Ideen und vom Erkennen gerade so wenig die Rede sein kann wie in Menschen mit völlig verbildeten Generationsorganen von Fortbildung der Gattung. Ein kräftig und schön entwickelter Bau des ganzen Menschen dagegen und des Gehirns insbesondere wird zwar noch nicht allein den Genius setzen, aber doch jedenfalls die erste unerlässlichste Bedingung für höhere Erkenntnis gewähren.»

Wie man dem menschlichen Leib die drei Formen des Daseins, die mineralische, die pflanzliche und die tierische, zuspricht, so muss man ihm noch eine vierte, die besondere menschliche, zusprechen. Durch seine mineralische Daseinsform ist der Mensch verwandt mit allem Sichtbaren, durch seine pflanzliche mit allen Wesen, die wachsen und sich fortpflanzen; durch seine tierische mit allen, die ihre Umgebung wahrnehmen und auf Grund äußerer Eindrücke innere Erlebnisse haben; durch seine menschliche bildet er schon in leiblicher Beziehung ein Reich für sich.

II. Die seelische Wesenheit des Menschen

Als eigene Innenwelt ist die seelische Wesenheit des Menschen von seiner Leiblichkeit verschieden. Das Eigene tritt sofort entgegen, wenn man die Aufmerksamkeit auf die einfachste Sin- nesempfindung lenkt. Niemand kann zunächst wissen, ob ein anderer eine solche einfache Sinnesempfindung in genau der gleichen Art erlebt wie er selbst. Bekannt ist, dass es Menschen gibt, die farbenblind sind. Solche sehen die Dinge nur in verschiedenen Schattierungen von Grau. Andere sind teilweise far- benblind. Sie können daher gewisse Farbennuancen nicht wahrnehmen. Das Weltbild, das ihnen ihr Auge gibt, ist ein anderes als dasjenige sogenannter normaler Menschen. Und ein Gleiches gilt mehr oder weniger für die andern Sinne. Ohne weiteres geht daraus hervor, dass schon die einfache Sinnesempfindung zur Innenwelt gehört. Mit meinen leiblichen Sinnen kann ich den roten Tisch wahrnehmen, den auch der andere wahrnimmt; aber ich kann nicht des andern Empfindung des Roten wahrnehmen.

Man muss demnach die Sinnesempfindung als Seelisches bezeichnen. Wenn man sich diese Tatsache nur ganz klar macht, dann wird man bald aufhören, die Innenerlebnisse als bloße Gehirnvorgänge oder ähnliches anzusehen. - An die Sinnesempfindung schließt sich zunächst das Gefühl.

Die eine Empfindung macht dem Menschen Lust, die andere Unlust. Das sind Regungen seines inneren, seines seelischen Lebens. In seinen Gefühlen schafft sich der Mensch eine zweite Welt zu derjenigen hinzu, die von außen auf ihn einwirkt. Und ein Drittes kommt hinzu: der Wille. Durch ihn wirkt der Mensch wieder auf die Außenwelt zurück. Und dadurch prägt er sein inneres Wesen der Außenwelt auf. Die Seele des Menschen fließt in seinen Willenshandlungen gleichsam nach au- ßen. Dadurch unterscheiden sich die Taten des Menschen von den Ereignissen der äußeren Natur, dass die ersteren den Stempel seines Innenlebens tragen. So stellt sich die Seele als das Eigene des Menschen der Außenwelt gegenüber. Er erhält von der Außenwelt die Anregungen; aber er bildet in Gemäßheit dieser Anregungen eine eigene Welt aus. Die Leiblichkeit wird zum Untergrunde des Seelischen.

III. Die geistige Wesenheit des Menschen

Das Seelische des Menschen wird nicht allein durch den Leib bestimmt. Der Mensch schweift nicht richtungs- und ziellos von einem Sinneseindruck zum andern; er handelt auch nicht unter dem Eindrucke jedes beliebigen Reizes, der von außen oder durch die Vorgänge seines Leibes auf ihn ausgeübt wird. Er denkt über seine Wahrnehmungen und über seine Handlungen nach. Durch das Nachdenken über die Wahrnehmungen erwirbt er sich Erkenntnisse über die Dinge; durch das Nachden- ken über seine Handlungen bringt er einen vernunftgemäßen Zusammenhang in sein Leben. Und er weiß, dass er seine Aufgabe als Mensch nur dann würdig erfüllt, wenn er sich durch richtige Gedanken sowohl im Erkennen wie im Handeln leiten lässt. Das Seelische steht also einer zweifachen Notwendigkeit gegenüber.

Von den Gesetzen des Leibes wird es durch Naturnotwendigkeit bestimmt; von den Gesetzen, die es zum richtigen Denken führen, lässt es sich bestimmen, weil es deren Notwendigkeit frei anerkennt. Den Gesetzen des Stoffwechsels ist der Mensch durch die Natur unterworfen; den Denkgesetzen unterwirft er sich selbst. - Dadurch macht sich der Mensch zum Angehörigen einer höheren Ordnung, als diejenige ist, der er durch seinen Leib angehört. Und diese Ordnung ist die geistige.

So verschieden das Leibliche vom Seelischen, so verschieden ist dieses wieder vom Geistigen. Solange man bloß von den Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoffteilchen spricht, die sich im Leibe bewegen, hat man nicht die Seele im Auge. Das seelische Leben beginnt erst da, wo innerhalb solcher Bewegung die Empfindung auftritt: ich schmecke süß oder ich fühle Lust. Ebensowenig hat man den Geist im Auge, solange man bloß die seelischen Erlebnisse ansieht, die durch den Menschen ziehen, wenn er sich ganz der Außenwelt und seinem Leibesleben überlässt. Dieses Seelische ist vielmehr erst die Grundlage für das Geistige, wie das Leibliche die Grundlage für das Seelische ist. - Der Naturforscher hat es mit dem Leibe, der Seelenforscher (Psychologe) mit der Seele und der Geistesfor- scher mit dem Geiste zu tun. Durch Besinnung auf das eigene Selbst sich den Unterschied von Leib, Seele und Geist klarzuma- chen ist eine Anforderung, die an denjenigen gestellt werden muss, der sich denkend über das Wesen des Menschen aufklä- ren will.

http://anthroposophie.byu.edu/schriften/009.pdf

Der Manichäismus

Eine noch wichtigere Geistesströmung als die der Rosenkreuzer war die des Manichäismus.

Wir müssen sprechen über den Manichäismus, der durch eine Persönlichkeit begründet wurde, die sich selbst als Mani bezeichnete und etwa im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt lebte.

Dieser Mani begründete eine Geistesströmung, die ja zuerst eine kleine Sekte umfaßte, die aber zu einer mächtigen Geistesströmung wurde. Die mittelalterlichen Albigenser, Waldenser und Katharer sind die Fortsetzung dieser Geistesströmung, zu der auch der ja noch für sich zu besprechende Templerorden und ebenso durch eine merkwürdige Verkettung der Verhältnisse das Freimaurertum gehören. Hier hinein gehört das Freimaurertum eigentlich, obgleich es sich mit anderen Strömungen, zum Beispiel dem Rosenkreuzertum verbunden hat.

Ein Kaufmann verfaßte vier bedeutsame Schriften: erstens die Mysteria, zweitens die Capitola, drittens das Evangelium, viertens den Thesaurus. Eine Witwe wiederum hinterließ einen Sklaven, den sie losgekauft und freigelassen habe. Der sei der besagte Mani gewesen, der dann aus diesen Schriften seine Weisheit gezogen habe, aber außerdem in die Mysterien des Mithrasdienstes eingeweiht gewesen war. Er hat dann diese Bewegung des Manichäismus ins Leben gerufen.

Man nennt den Mani auch den «Sohn der Witwe» und seine Anhänger die «Söhne der Witwe». Er selbst aber, Mani, bezeichnete sich als «Paraklet», als den von Christus der Menschheit versprochenen Heiligen Geist. Nun ist das so aufzufassen, daß er sich bezeichnete als eine Inkarnation jenes Heiligen Geistes; nicht etwa meinte er, daß er der alleinige Heilige Geist sei. Er stellte sich vor, daß dieser Heilige Geist in Wiederverkörperungen erscheint und bezeichnete sich als eine solche Wiederverkörperung des Geistes.

Die Lehre, die er verkündigte, wurde von Augustinus, als dieser zur katholischen Kirche übergetreten war, in der lebhaftesten Weise bekämpft. Augustinus stellte seine katholische Anschauung der manichäischen Lehre gegenüber, die er durch eine Persönlichkeit vertreten läßt, die er Faustus nennt. Faustus ist im Sinne des Augustinus der Kämpfer gegen das Christentum. Hier liegt der Ursprung des goethesehen Faust mit seiner Anschauung des Bösen. Der Name «Faust» geht zurück bis auf diese alte augustinische Lehre.

Alle solche Geistesströmungen, die mit Einweihungen zusammenhängen, drücken sich exoterisch aus in Legenden. Nur ist die Legende des Manichäismus eine große kosmische Legende, eine Legende von übersinnlicher Art.

Man erfährt von der manichäischen Lehre gewöhnlich, daß sie sich vom abendländischen Christentum unterscheide durch ihre andere Auffassung des Bösen. Während das katholische Christentum der Ansicht sei, daß das Böse beruhe auf einem Abfall vom göttlichen Ursprung, auf einem Abfall ursprünglich guter Geister von Gott, so lehre der Manichäismus, daß das Böse ebenso ewig sei wie das Gute; daß es keine Auferstehung des Leibes gebe und daß das Böse als solches kein Ende nähme. Es habe also keinen Anfang, sondern sei gleichen Ursprungs mit dem Guten, und habe auch kein Ende. Wenn Sie in dieser Weise den Manichäismus kennenlernen, so erscheint er allerdings wie etwas radikal Unchristliches und wie etwas ganz Unverständliches.

Nun wollen wir der Sache auf den Grund gehen nach den Traditionen, die von dem Mani selbst herrühren sollen und prüfen, um was es sich da eigentlich handelt. Da wird erzählt, daß einstmals die Geister der Finsternis anstürmen wollten gegen das Lichtreich. Sie kamen in der Tat bis an die Grenze des Lichtreiches und wollten das Lichtreich erobern. Sie vermochten aber nichts gegen das Lichtreich. Nun sollten sie und hier liegt ein besonders tiefer Zug, den ich zu beachten bitte -, nun sollten sie bestraft werden von dem Lichtreich. Aber in dem Lichtreich gab es nichts irgendwie Böses, sondern nur Gutes. Also hätten die Dämonen der Finsternis nur mit etwas Gutem bestraft werden können. Was geschah also? Es geschah folgendes.

Die Geister des Lichtreiches nahmen einen Teil ihres eigenen Reiches und mischten diesen in das materielle Reich der Finsternis hinein. Dadurch, daß nun ein Teil des Lichtreiches vermischt wurde mit dem Reich der Finsternis, da durch sei in diesem Reich der Finsternis gleichsam ein Sauerteig, ein Gärungsstoff entstanden, der das Reich der Finsternis in einen chaotischen Wirbeltanz versetzte, wodurch es ein neues Element bekommen hat, nämlich den Tod. So daß es sich fortwährend selbst aufzehrt und so den Keim zu seiner eigenen Vernichtung in sich trägt.

Weiter wird erzählt, daß dadurch, daß dies geschehen ist, gerade das Menschengeschlecht entstanden sei. Der Urmensch sei eben gerade das, was vom Lichtreich her gesendet worden sei, um sich mit dem Reich der Finsternis zu vermischen und das, was im Reich der Finsternis nicht sein soll, zu überwinden durch den Tod; es in sich selbst zu überwinden.

Der tiefe Gedanke, der darin liegt, ist der, daß von Seiten des Lichtreiches das Reich der Finsternis überwunden werden soll nicht durch Strafe, sondern durch Milde; nicht durch Widerstreben dem Bösen, sondern durch Vermischung mit dem Bösen, um das Böse als solches zu erlösen. Dadurch, daß ein Teil des Lichtes hineingeht in das Böse, wird das Böse selbst überwunden.

Dem liegt die Auffassung vom Bösen zugrunde, die ich oftmals als die theosophische auseinandergesetzt habe. Was ist das Böse? Es ist nichts anderes als ein unzeitgemäßes Gutes. Um ein Beispiel anzuführen, das von mir schon öfters angeführt wurde:

Nehmen wir an, daß wir es mit einem ausgezeichneten Klavierspieler und einem ausgezeichneten Klaviertechniker zu tun haben, die beide vollkommen sind in ihrer Art. Zuerst muß der Techniker das Instrument bauen und es dann abgeben an den Spieler. Wenn dieser ein guter Spieler ist, wird er es in entsprechender Weise benützen und so sind beide gleichsam das Gute. Wenn aber nun der Techniker anstelle des Spielers in den Konzertsaal gehen und da herumhämmern wollte, dann wäre er am unrechten Ort. Das Gute würde so zum Bösen. So sehen wir, daß das Böse nichts anderes ist als das Gute am unrechten Ort.

Wenn das, was in irgendeiner Zeit außerordentlich gut ist, sich weiter erhalten, starr werden wollte und nun das schon Fortgeschrittene beeinträchtigen würde in seinem Gange, so wird es jetzt zweifellos ein Böses, weil es dem Guten widerstreben würde. In diesem tiefen Sinne haben wir die manichäische Anschauung aufzufassen, daß das Gute und Böse im Grunde genommen von derselben Art, im Grunde genommen gleich in ihrem Anfang und gleich in ihrem Ende sind. Wenn Sie diese Anschauung so auffassen, werden Sie verstehen, was eigentlich der Mani anregen wollte.

Erst jetzt reift die Menschheit heran, um einen eigenen Menschenbruder als Manu zu haben.

Es geschieht das, daß diese Offenbarung, die Offenbarung von oben, die Leitung der Seele von oben sich allmählich zurückzieht und die Menschheit den eigenen Wegen überläßt, so daß sie ihr eigener Leiter wird.

Die Seele wurde nun in aller Esoterik (Mystik) die «Mutter» genannt; der Unterweiser der «Vater». Vater und Mutter, Osiris und Isis, das sind die zwei in der Seele vorhandenen Mächte: der Unterweiser, derjenige, der das unmittelbar einfließende Göttliche darstellt, Osiris, ist der Vater; die Seele selbst, Isis, konzipiert, empfängt das Göttlich-Geistige, sie ist die Mutter.

Während der fünften Menschheitsepoche zieht sich nun der Vater zurück. Die Seele ist verwitwet, soll verwitwet sein. Die Menschheit ist auf sich selbst angewiesen. Sie muß in der eigenen Seele das Licht der Wahrheit suchen, um sich selbst zu lenken. Alles Seelische wurde von jeher mit weiblichen Sinnbildern zum Ausdruck gebracht. Deshalb wird dieses Seelische welches heute im Keim vorhanden ist und später vollständig entwickelt sein wird -, dieses sich selbst lenkende Seelische, das den göttlichen Befruchter nicht mehr vor sich hat, das wird von dem Mani als «Witwe» bezeichnet. Und deshalb bezeichnete er sich selbst als den «Sohn der Witwe».

Mani ist es, der diejenige Stufe der menschlichen Seelenentwickelung vorbereitet, die das eigene seelische Geisteslicht sucht. Alles, was von ihm herrührt, war ein Berufen auf das eigene Geisteslicht der Seele und das war zugleich ein entschiedenes Aufbäumen gegen alles, was nicht aus der Seele, aus der eigenen Beobachtung der Seele kommen wollte. Schöne Worte rühren von dem Mani her und sind das Leitmotiv seiner Anhänger zu allen Zeiten gewesen. Wir hören:

Ihr müßt abstreifen alles dasjenige, was äußere Offenbarung ist, die ihr auf sinnlichem Wege erhaltet! Ihr müßt abstreifen alles, was äußere Autorität euch überliefert; dann müßt ihr reif werden, die eigene Seele anzuschauen!

Augustinus dagegen vertritt das Prinzip in einem Gespräch, in dem er sich zum Gegner jenes Manichäers Faustus macht: Ich würde die Lehre Christi nicht annehmen, wenn sie nicht auf die Autorität der Kirche begründet wäre. Der Manichäer Faustus sagt aber: Ihr sollt auf Autorität hin keine Lehre annehmen; wir wollen eine Lehre nur annehmen in Freiheit.

Das ist das Aufbäumen des auf sich selbst bauenden Geisteslichtes, das dann auch in der Faust-Sage in so schöner Weise zum Ausdruck gebracht wurde. Wir haben diesen Gegensatz auch in späteren Sagen im Mittelalter einander gegenübergestellt. Auf der einen Seite die Faust-Sage, auf der anderen Seite die Luther-Sage.

Luther ist der Fortsetzer des autoritativen Prinzips, Faust dagegen ist der, der sich aufbäumt, der sich auf das innere Geisteslicht stützt. Wir haben die Luther-Sage: er wirft dem Teufel das Tintenfaß an den Kopf. Was sich ihm als Böses vorstellt, wird beiseitegestellt. Und auf der anderen Seite haben wir das Bündnis des Faust mit dem Bösen. Es wird von dem Lichtreich der Funke nach dem Reich der Finsternis gesandt, um eindringend in die Finsternis, die Finsternis durch sich selbst zu erlösen, durch Milde das Böse zu überwinden.

Wie müssen wir uns das Zusammenwirken des Guten und des Bösen vorstellen? Wir müssen es uns aus dem Zusammenklingen von Leben und Form erklären. Wodurch wird das Leben zur Form ? Dadurch, daß es einen Widerstand findet; daß es sich nicht auf einmal in einer Gestalt zum Ausdruck bringt.

Beachten Sie einmal, wie das Leben in einer Pflanze, sagen wir der Lilie, von Form zu Form eilt. Das Leben der Lilie hat eine Lilienform aufgebaut, ausgestaltet. Wenn diese Form ausgestaltet ist, überwindet das Leben die Form, geht in den Keim über, um später als dasselbe Leben in einer neuen Form wiedergeboren zu werden. Und so schreitet das Leben von Form zu Form. Das Leben selbst ist gestaltlos und würde sich nicht in sich selbst wahrnehmbar ausleben können. Das Leben der Lilie zum Beispiel ist in der ersten Lilie, schreitet weiter zur zweiten, dritten, vierten, fünften.

Überall ist dasselbe Leben, das in einer begrenzten Form erscheint, webend ausgebreitet. Daß es in begrenzter Form erscheint, das ist eine Hemmung dieses allgemein flutenden Lebens. Es würde keine Form geben, wenn das Leben nicht gehemmt, wenn es nicht aufgehalten würde in seiner nach allen Seiten hin strömenden Kraft. Gerade von dem, was zurückgeblieben ist, was ihm auf höherer Stufe stehend wie eine Fessel erscheint, gerade aus dem erwächst im großen Kosmos die Form. Immer wird das, was das Leben ist, als Form von dem umfaßt, was als Leben in einer früheren Zeit vorhanden war. Beispiel: die katholische Kirche. Das Leben, das in der katholischen Kirche lebt von Augustinus bis ins 15. Jahrhundert, ist christliches Leben. Das Leben darinnen ist Christentum. Immer wieder kommt dieses pulsierende Leben heraus (Mystiker).

Die Form, woher ist die Form? Die ist nichts anderes als das Leben des alten römischen Reiches. Das, was in diesem alten römischen Reich noch Leben war, ist erstarrt zur Form. Was da zuerst Republik, dann Kaiserreich war, was da gelebt hat in seinen äußeren Erscheinungen als römischer Staat, das hat sein zur Form erstarrtes Leben abgegeben an das spätere Christentum bis hin zur Hauptstadt, so wie eben früher Rom die Hauptstadt des römischen Weltreiches war. Sogar die römischen Provinzialbeamten sind durch die Presbyter und Bischöfe fortgesetzt worden.

Was früher Leben war, wird später Form für eine höhere Stufe des Lebens. Ist es nicht mit dem Menschen geradeso? Was ist das Menschenleben? Die manasische Befruchtung ist heute des Menschen inneres Leben. Die Form ist das, was samenartig herübergekommen ist aus der vorherigen Menschheitsepoche.

Immer ist das Leben einer vorhergehenden Epoche die Form einer späteren Epoche. In dem Zusammenklingen von Form und Leben ist zugleich das andere Problem gegeben: das des Guten und Bösen; dadurch, daß das Gute einer früheren Zeit vereint ist mit dem Guten einer neuen Zeit.

Und das ist im Grunde genommen nichts anderes als eben das Zusammenklingen des Fortschreitens mit seiner eigenen Hemmung. Das ist zugleich die Möglichkeit des materiellen Erscheinens, die Möglichkeit, zum offenbaren Dasein zu kommen. Das ist unser Menschendasein innerhalb der mineralisch-festen Erde: Innenleben und das zurückgebliebene Leben der früheren Zeit zur hemmenden Form verhärtet. Das ist auch die Lehre des Manichäismus über das Böse.

Wenn wir uns von diesem Gesichtspunkt aus weiter fragen: Was will nun der Mani und was bedeutet sein Ausspruch, der Paraklet, der Geist zu sein, der Sohn der Witwe? Nichts anderes bedeutet das, als daß er vorbereiten will diejenige Zeit, in welcher in der sechsten Menschheitsepoche die Menschheit durch sich selbst, durch das eigene Seelenlicht geführt werden wird und überwinden wird die äußeren Formen, sie umwandeln wird zu Geist.

Eine über das Rosenkreuzertum hinübergreifende Strömung des Geistes will Mani schaffen, eine Strömung, die weitergeht als die Strömung der Rosenkreuzer.

Das innere christliche Leben als solches überwindet jegliche Form, es pflanzt sich durch das äußere Christentum fort und lebt in allen Formen der verschiedenen Bekenntnisse. Wer christliches Leben sucht, wird es immer finden. Es schafft Formen und zerbricht Formen in den verschiedenen Religionssystemen. Nicht darauf kommt es an, die Gleichheit überall zu suchen in den äußeren Ausdrucksformen, sondern den inneren Lebensstrom zu empfinden, der überall unter der Oberfläche da ist.

Was aber noch geschaffen werden muß, das ist eine Form für das Leben der sechsten Menschheitsepoche. Die muß früher geschaffen werden, denn sie muß da sein, damit sich das christliche Leben hineingießen kann. Diese Form muß vorbereitet werden durch Menschen, die eine solche Organisation, eine solche Form schaffen werden, damit das wahre christliche Leben der sechsten Menschheitsepoche darin Platz greifen kann. Und diese äußere Gesellschaftsform muß entspringen aus der Mani-Intention, aus dem Häuflein, das der Mani vorbereitet. Das muß die äußere Organisationsform sein, die Gemeinde, in der zuerst der christliche Funke wird so recht Platz greifen können.

Daraus werden Sie entnehmen können, daß dieser Manichäismus zunächst bestrebt sein wird, vor allen Dingen das äußere Leben rein zu gestalten; denn es soll Menschen herbeiführen, die ein geeignetes Gefäß in der Zukunft abgeben werden. Daher wurde auf unbedingte reine Gesinnung und auf Reinheit ein so großes Gewicht gelegt.

Die Katharer waren eine Sekte, die wie meteorartig auftrat im 12. Jahrhundert. Sie nannten sich so, weil Katharer die «Reinen» heißt. Es waren Menschen, die hinsichtlich ihrer Lebensweise und ihres moralischen Verhaltens rein sein sollten. Sie mußten die Katharsis innerlich und äußerlich suchen, um eine reine Gemeinde zu bilden, die ein reines Gefäß sein soll. Das ist es, was der Manichäismus anstrebt.

Weniger handelt es sich um die Pflege des innerlichen Lebens - das Leben wird auch in anderer Weise fortfließen -, sondern mehr um die Pflege der äußeren Lebensform.

Nun werfen wir einen Blick auf das, was sein wird in der sechsten Menschheitsepoche. Da werden das Gute und das Böse einen weitaus anderen Gegensatz noch bilden als heute. Was in der fünften Runde für die ganze Menschheit eintreten wird, daß die äußere Physiognomie, die sich jeder schafft, ein unmittelbarer Ausdruck dessen sein wird, was Karma bis dahin aus dem Menschen geschaffen hat, das wird, wie ein Vorklang zu diesem Zustand, in der sechsten Menschheitsepoche innerhalb des Geistigen eintreten.

Bei denjenigen, bei denen das Karma einen Überschuss an Bösem ergibt, wird innerhalb des Geistigen das Böse ganz besonders hervortreten. Auf der einen Seite werden dann Menschen da sein von einer gewaltigen inneren Güte, von Genialität an Liebe und Güte; aber auf der anderen Seite wird auch das Gegenteil da sein. Das Böse wird als Gesinnung ohne Deckmantel bei einer großen Anzahl von Menschen vorhanden sein, nicht mehr bemäntelt, nicht mehr verborgen.

Die Bösen werden sich des Bösen rühmen als etwas besonders Wertvollem. Es dämmert schon bei manchen genialen Menschen etwas auf von einer gewissen Wollust an diesem Bösen, diesem Dämonischen der sechsten Menschheitsepoche. Nietzsches «blonde Bestie» ist zum Beispiel so ein Vorspuk davon. Dieses rein Böse muß herausgeworfen werden aus dem Strom der Weltentwickelung wie eine Schlacke. Es wird herausgestoßen werden in die achte Sphäre.

Wir stehen heute unmittelbar vor einer Zeit, wo eine bewußte Auseinandersetzung mit dem Bösen durch die Guten stattfinden wird. Die sechste Menschheitsepoche wird die Aufgabe haben, das Böse durch Milde so weit als möglich wieder einzubeziehen in den fortlaufenden Strom der Entwickelung. Es wird dann eine Geistesströmung entstanden sein, welche dem Bösen nicht widerstrebt, trotzdem es in seiner dämonischsten Gestalt in der Welt auftreten wird.

Verfestigt wird sich haben in denen, die die Nachfolger der Söhne der Witwe sein werden, das Bewußtsein, daß das Böse wieder einbezogen werden muß in die Entwickelung, daß es aber nicht durch Kampf, sondern nur durch Milde zu überwinden ist.

Dieses kräftig vorzubereiten, das ist die Aufgabe der manichäischen Geistesströmung. Sie wird nicht absterben, diese Geistesströmung, sie wird in mannigfaltigen Formen auftreten. Sie tritt in Gestalten auf, die sich manche denken können, die aber heute nicht ausgesprochen zu werden brauchen.

Würde sie sich lediglich auf die Pflege der inneren Gesinnung beziehen, so würde diese Strömung nicht das erreichen, was sie soll. Sie muß sich ausdrücken in der Begründung von Gemeinden, die vor allen Dingen den Frieden, die Liebe, das Nichtwiderstreben dem Bösen [durch Kampf] als das Maßgebende ansehen und zu verbreiten suchen. Denn sie müssen ein Gefäß, eine Form schaffen für das Leben, das sich auch ohne sie fortpflanzt.

Nun werden Sie begreifen, warum Augustinus, der bedeutendste Geist der katholischen Kirche, der in seinem «Gottesstaat» geradezu die Form der Kirche ausbildete, die Form für die Gegenwart geschaffen hat, warum er notwendigerweise der heftigste Gegner der Form sein mußte, die die Zukunft vorbereitet.

Da stehen sich zwei Pole gegenüber: Faustus und Augustinus. Augustinus, der auf die Kirche baut, auf die gegenwärtige Form; Faustus, der aus dem Menschen heraus den Sinn für die Form der Zukunft vorbereiten will. Das ist der Gegensatz, der sich entwickelt im 3. und 4. Jahrhundert nach Christus. Er bleibt vorhanden und findet seinen Ausdruck in dem Kampf der katholischen Kirche gegen die Tempelritter, Rosenkreuzer, Albigenser, Katharer und so weiter. Sie alle werden ausgerottet vom äußeren phyischen Plan, aber ihr Innenleben wirkt weiter.

Später kommt der Gegensatz in abgeschwächter, aber immer noch heftiger Form wieder zum Ausdruck in zwei Strömungen, herausgeboren aus einer abendländischen Kultur selbst, als Jesuitismus (Augustinismus) und Freimaurerei (Manichäismus).

Die auf der einen Seite den Kampf führen, sind sich dessen alle bewußt, die Katholiken und Jesuiten der höheren Grade; die aber auf der anderen Seite, die im Geiste des Mani den Kampf führen, bei denen sind sich die wenigsten dessen bewußt, nur die Spitze der Bewegung ist sich dessen bewußt.

So stehen sich in den späteren Jahrhunderten gegenüber Jesuitismus (Augustinismus) und Freimaurerei (Manichäismus). Das sind die Kinder der alten Geistesströmungen. Daher haben Sie sowohl im Jesuitismus wie im Freimaurertum eine Fortsetzung derselben Zeremonien bei den Einweihungen wie in den alten Strömungen. Die Einweihung der Kirche im Jesuitismus hat die vier Grade: coadjutores temporales, scholares, coadjutores spirituales, professi. Die Grade der Einweihung in der eigentlichen okkulten Freimaurerei sind ähnlich. Sie laufen einander parallel, verfolgen aber ganz verschiedene Richtungen.

aus
Rudolf Steiner
DER MANICHÄISMUS
Berlin, 11. November 1904
(gekürzt)

http://fvn-archiv.net/PDF/GA/GA093.pdf

Steiner über Stirner: Hinweg mit der Lüge!

Der 'Eigene' Stirners ist nicht das bornierte Individuum, das sich einkapselt und die Welt Welt sein lässt; nein, dieser "Eigene" ist der wahre Repräsentant des Weltgeistes, der sich die ganze Welt als sein "Eigentum" erwirbt, um so die Angelegenheiten der ganzen Welt als seine eigenen zu behandeln. Erweitert euer Selbst zur erst zum Welt-Selbst, und dann handelt immerzu egoistisch. ... Nicht selbstlos soll der Mensch werden; das kann er nicht. Und wer sagt, er kann es, der lügt. Aber die Selbstsucht kann sich bin zu den höchsten Weltinteressen aufschwingen." Menschen wir Stirner "wollen nicht die heuchlerische Daseinslüge kultivieren, als wenn der Mensch auf der höchsten Stufe des Daseins sich völlig seines Selbst entäußerte, um selbstlos zu wirken. Nein, diese Menschen wollen nichts weiter als wahr sein, wahr gegen sich und wahr gegen alle Welt. Hinweg mit der Lüge ..."

Rudolf Steiner, Lit. Frühwerk Bd IV, Der geniale Mensch (1900), aus Helmut Graml, Eine Wirksamkeit des Christian Rosenkreutz in unserer Gegenwart, Michael, Augsburg, 1993

Verschiedene helfende Geister

Wer RUDOLF STEINER im Geiste begegnen will, kann dies nur mit neuem Christus-Bewusstsein. Nicht Wissen wollte Rudolf Steiner in erster Linie geben, sondern Bewusstsein.

CHRISTIAN ROSENKREUTZ begegnet man im Geiste bei Problemen des Weges.

Wer sich mit dem Bösen auseinandersetzen muss, um es zu durchschauen, es zu überwinden aus der Liebe, der braucht Kräfte aus dem Geiste des MANI.

Wer aus dem echt Christlichen Einsicht und Schaffenskraft entnimmt, was, wie Rudolf Steiner sagte, erst mit der Inspiration möglich sein wird, (alles andere ist Vorbereitung darauf) der wird sich dem Geiste des Meister JESUS nähern können und müssen.

Ich schreibe dies, um zu zeigen, wie weltweit verscheiden diese Geister sind. Wie unmöglich einem Einsichtigen die Verwechslung passieren kann, und sie sicher diese Erkenntnisse sind, wenn wie echte sind, sein werden.

Helmut Graml, Eine Wirksamkeit des CHRISTIAN ROSENKREUTZ in unserer Gegenwart, Augsburg 1993, S.29

Praktische Ausbildung des Denkens

Es muß die Frucht der geisteswissenschaftlichen Bewegung sein, dass sie wirklich Praktiker ins Leben stellt. Es ist nicht so wichtig, daß der Mensch dieses oder jenes für wahr halten kann, sondern dass er es dahin bringe, die Dinge richtig zu überschauen. Viel wichtiger ist die Art und Weise, wie Anthroposophie eindringt in unsere Seele und uns anleitet zur Tätigkeit unserer Seele und unseren Blick erweitert, als daß wir bloß über die sinnlichen Dinge hinaus- und ins Geistige hinein theoretisieren. Darin ist die Anthroposophie etwas wahrhaft Praktisches. Das ist eine wichtige Mission der anthroposophischen Bewegung, dass durch sie des Menschen Denken in Bewegung gebracht wird, so geschult wird, dass er denkt, dass der Geist hinter den Dingen steht. Wenn die anthroposophische Bewegung diese Gesinnung entfacht, dann wird sie eine Kultur begründen, aus der nie ein solches Denken hervorgehen wird, dass die Leute von innen den Wagen anschieben wollen. Das fließt ganz von selbst in die Seele hinein. Wenn die Seele gelernt hat, über die großen Tatsachen des Lebens zu denken, dann denkt sie auch über den Suppenlöffel richtig. Und nicht nur in Bezug auf das, was den Suppenlöffel betrifft, werden die Menschen praktischer werden, sie werden auch lernen, einen Nagel praktischer einzuschlagen, einBild praktischer aufzuhängen, als sie das sonst getan hätten. Das ist von großer Bedeutung, dass wir das seelisch-geistige Leben als ein Ganzes betrachten lernen und dass wir durch solche Anschauung alles praktischer und praktischer gestalten lernen.

https://www.goetheanum.org/fileadmin/meditationssite/Rudolf_Steiner_-_Praktische_Ausbildung_des_Denkens.pdf

Es nicht wie der Yogi machen

Der heutige Mensch soll nicht auf dem Umwege durch das Atmen, sondern er soll auf einem seelischeren Wege, auf einem Wege mehr des Gedankens selber sich in die geistigen Welten hinaufleben. Daher ist es heute richtig, wenn der Mensch in der Meditation, in der Konzentration seiner Gedanken und Bilder das, was sonst bloßer logischer Zusammenhang ist, in einen, ich möchte sagen, musikalischen Zusammenhang innerhalb des Gedankens selbst verwandelt.

Immer ist aber das heutige Meditieren zunächst ein Erleben in Gedanken, ein Übergang des einen Gedankens in den anderen, ein Übergang der einen Vorstellung in die andere. Während der alte indische Yogi von einer Atemart zu der anderen übergegangen ist, muß der heutige Mensch versuchen, lebendig sich mit seiner ganzen Seele zum Beispiel hineinzuleben in das Rot. Er bleibt also im Gedanklichen. Er lebt sich dann in das Blau hinein. Er macht den Rhythmus durch: Rot, Blau; Blau, Rot; Rot, Blau was ein Gedankenrhythmus ist, aber nicht so, wie er im logischen Denken abläuft, sondern als ein viel lebendigeres Denken.

Wenn der Mensch genügend lange solche Übungen macht, genügend lange mußte auch der alte Yogi seine Übungen machen , wenn er gewissermaßen den Schwung, den Rhythmus, die innere Qualitätsänderung: Rot, Blau; Blau, Rot; Hell, Dunkel; Dunkel, Hell erlebt, kurz, wenn er solche Anweisungen befolgt, wie Sie ja einzelne in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»finden; wenn der Mensch also stehenbleibend im Denken nun nicht gewissermaßen den Atem hineintreibt in den Nerven-Sinnesprozeß,s ondern wenn er gleich beim Nerven-Sinnesprozeß beginnt und den Nerven-Sinnesprozeß selber in einen inneren Schwung und Rhythmus und in eine Qualitätsänderung hineinbringt, dann erlangt er gerade das Gegenteil von dem, was der alte Yogi erlangt hat.

Der alteYogi schaltete gewissermaßen den Denkprozeß mit dem Atmungsprozeß zusammen; er machte eines aus dem Denkprozeß und dem Atmungsprozeß. Wir versuchen heute den letzten Zusammenhang zwischen dem Atmungsprozeß und dem Denkprozeß, der ja ohnehin sehr unbewußt ist, noch zu lösen.

Wenn Sie im gewöhnlichen Bewußtsein sind, wenn Sie im gewöhnlichen Bewußtsein nachdenken über Ihre natürliche Umgebung, so haben Sie niemals in Ihren Vorstellungen etwa einen bloßen Nerven-Sinnesprozeß, sondern da geht immer noch der Atem hinein. Sie denken, indem fortwährend Ihr Atem Ihren Nerven-Sinnesprozeß durchwellt und durchströmt. Alle Übungen des Meditierens der neueren Zeit gehen darauf aus, das Denken ganz loszulösen von dem Atmungsprozeß.

Dadurch reißt man es aber nicht etwa aus dem Rhythmus heraus, sondern man reißt es nur aus einem Rhythmus heraus, der der innere Rhythmus ist. Aber man verbindet dann allmählich das Denken mit einem äußeren Rhythmus. Indem man das Denken loslöst vom Atmungsrhythmus darauf gehen unsere heutigen Meditationen aus , läßt man das Denken gewissermaßen hineinströmen in den Rhythmus der äußeren Welt.

Der Yogi ging zu seinem eigenen Rhythmus zurück. Der heutige Mensch geht zu dem Rhythmus der äußeren Welt zurück.

Lesen Sie gleich die ersten Übungen, welche ich angegeben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», wo ich zeige, wie man, sagen wir, das Keimen und das Wachsen einer Pflanze verfolgen soll. Die Meditation geht darauf hin, die Vorstellung, das Denken von dem Atmen loszulösen und es untertauchen zulassen in die Wachstumskräfte der Pflanze selber.

Das Denken soll in den Rhythmus hinausgehen, der die äußereWelt durchzieht. In dem Momente aber, wo das Denken wirklich in dieser Weise sich befreit von den leiblichen Funktionen, wo es sich losreißt vom Atem, wo es sich allmählich zusammenbindet mit dem äußeren Rhythmus, da taucht es unter, jetzt nicht in die sinnlichen Wahrnehmungen, in die sinnlichen Eigenschaften der Dinge, sondern da taucht es unter in das Geistige der einzelnen Dinge.

Wenn Sie eine Pflanze anschauen, sie ist grün, sie ist in der Blüte rot. Das sagt Ihnen Ihr Auge. Darüber denkt dann Ihr Verstand nach.Von dem lebt unser gewöhnliches Bewußtsein. Ein anderes Bewußtsein entwickeln wir, wenn wir das Denken losreißen vom Atem,wenn wir es verbinden mit dem, was da draußen ist. Dieses Denken, das lernt mit vibrieren mit der Pflanze, wie sie heranwächst, wie sie sich in der Blüte entfaltet, wie sie, bei einer Rose zum Beispiel, aus dem Grün in das Rote hinübergeht. Das vibriert hinaus in das Geistige, das allen einzelnen Dingen der Außenwelt zugrunde liegt.

Sehen Sie, das ist der Unterschied des modernen Meditierens von den Yogaübungen einer sehr alten Zeit. Dazwischen gibt es natürlich vieles, aber ich erwähne diese beiden Extreme. Und dadurch, daß der Mensch sich in diesen äußeren Rhythmus allmählich hineinlebt, geschieht nun folgendes.Der Yogi tauchte unter in seinen eigenen Atmungsprozeß. Er senkte sich selber in sich hinein. Dadurch bekam er das Selbst wie eine Erinnerung. Er erinnerte sich gewissermaßen an das, was er früher war, bevor er auf die Erde heruntergestiegen war.

Wir gehen mit unserer Seele aus unserem Leibe heraus. Wir verbinden uns mit dem, was da draußen im Rhythmus, also geistig lebt. Dadurch schauen wir jetzt dasjenige an, was wir waren, bevor wir auf die Erde heruntergestiegen sind. Sehen Sie, das ist der Unterschied.

Ich will es schematisch aufzeichnen: wenn das der Yogi war entwickelte er sein starkes Ich-Gefühl (rot) Mit diesem Ich-Gefühl erinnerte er sich an dasjenige, was er war, bevor er auf die Erde heruntergestiegen ist, wo er in einer geistig-seelischen Umgebung war (blau). Es ging der Strom der Erinnerung zurück (blau).

Wenn das hier der moderne übersinnliche Erkenner ist so entwickelt er einen solchen Vorgang, daß er aus seinem Leibe herausgeht (blau), dadurch in dem Rhythmus der äußerenWelt lebt, und jetzt als einen äußeren Gegenstand dasjenige anschaut (rot), was er vorher war, bevor er auf die Erde heruntergestiegen ist.

Nun ist das die eine Art gewesen, wodurch der Yogi sich in die geistigen Welten hinauf lebte. Eine andere Art war diese, daß er seinem Leib bestimmte Stellungen gab. Er machte zum Beispiel die Übung: Mit seinen Armen ausgestreckt längere Zeit zu verharren, oder er nahm eine ganz bestimmte Stellung an, indem er ein Bein über das andere kreuzte und sich auf seine eigenen Beine setzte und so weiter. Was erlangte er dadurch?

Dadurch, sehen Sie, kam er in die Möglichkeit hinein, wahrzunehmen, was diejenigen Sinne wahrnehmen, die man heute kaum berücksichtigt. Wir wissen ja, der Mensch hat nicht nur fünf, sondern zwölf Sinne. Er hat, wenn wir von den gewöhnlichen Sinnen absehen, zum Beispiel den Gleichgewichtssinn - ich habe über das öfter besprochen —, durch den er wahrnimmt, wie er sich im Gleichgewicht erhält, daß er nicht nach links, rechts, rückwärts, vorne fällt. Geradeso wie man Farben wahrnimmt, so muß man auch sein Gleichgewicht wahrnehmen, sonst würde man nach allen Seiten gleiten und umfallen. Der Betrunkene oder der Ohnmächtige nimmt das eben nicht wahr, daher taumelt er auch.

Nun, um sich diesen Gleichgewichtssinn zum Bewußtsein zu bringen, nahm der Yogi gewisse Attitüden des Organismus ein. Dadurch entwickelte er ein feines, starkes Gefühl für die Richtungen. Wir reden von Oben und Unten, Rechts und Links, Vorne und Hinten, als ob das alles ganz einerlei wäre. Das wurde für den Yogi allmählich etwas, was er sehr stark und fein empfand dadurch, daß er seinem Körper längere Zeit gewisse Stellungen gab. Er entwickelte dadurch gerade ein feines Gefühl für diese anderen Sinne, die ich außer den fünf Sinnen angeführt habe. Aber wenn diese anderen Sinne erlebt werden, haben sie einen viel geistigeren Charakter als die gewöhnlichen Sinne. Und der Yogi lebte sich dadurch wiederum hinein in ein Wahrnehmen für die Richtungen des Raumes.

Das müssen wir uns wieder erringen, aber auf eine andere Weise. Wir können, aus Gründen, die ich bei einer anderen Gelegenheit weiter ausführen werde, nicht in solcher Weise üben, wie es in der alten Yoga geschah. Aber indem wir solche Übungen des Denkens vornehmen, wie ich sie eben beschrieben habe, die sich loslösen können vom Atmen, die sich einleben in den äußeren Rhythmus, da erleben wir auf diese Weise den Unterschied in den Richtungen.

Wir erleben, was es heißt, daß das Tier lebenslänglich sein Rückgrat horizontal hat und daß der Mensch sein Rückgrat vertikal hat. Für die gewöhnliche unorganische Natur wissen die Menschen, daß die Magnetnadel nur nach der Richtung Nord-Süd weist, daß diese Nord-Süd-Richtung im Irdischen etwas Besonderes bedeutet für die Entwickelung der magnetischen Kraft, weil die Magnetnadel, die sich sonst neutral verhält, sich in diese Lage hineinfindet; daß das also eine besondere Richtung ist.

Indem wir uns in den äußeren Rhythmus mit unseren Gedanken hineinfinden, lernen wir erkennen, wie anders es ist, die Horizontallinie mit dem Rückgrat einzuhalten als die Vertikallinie. Wir lernen das alles im Gedanken selber, indem wir im Gedanken bleiben. Der indische Yogi lernte das auch, indem er seine Beine kreuzte, sich auf die eigenen Beine setzte und dabei die Arme hoch hielt. Er lernte also aus dem Körperlichen heraus das unsichtbare Bedeutungsvolle von Raumrichtungen. Der Raum ist nicht ein beliebiges Nebeneinander, sondern nach allen Seiten hin so organisiert, daß die Richtungen verschiedenen Wert haben. Solche Übungen also, die den Menschen hineinführen in die höhere Welt, wie ich sie jetzt geschildert habe, sind mehr Übungen, die nach der Gedankenseite hingehen.

Es gibt aber auch Übungen, die nach der anderen Seite hingehen, und da finden wir unter den mannigfaltigen Übungen, die auf diesem Felde vorhanden sind, die des asketischen Lebens, wo die Funktionen des physischen Leibes heruntergestimmt wurden, wo dem physischen Leibe geradezu allerlei Entbehrungen, Leidensvolles zugefügt wurde. Dadurch wurde der physische Leib gewissermaßen aus seinen normalen Funktionen herausgebracht. Was ältere Asketen nach dieser Richtung geleistet haben, davon macht sich der moderne Mensch keine Vorstellungen, denn der moderne Mensch, der will so gründlich als möglich in seinen Organismus hinein. Jedes Mal, wenn der alte Asket diese oder jene körperlichen Funktionen schmerzvoll unterdrückte, zog sich sein Geistig-Seelisches aus dem Organismus heraus.

Nicht wahr, wenn Sie leben, so wie eben im normalen Leben gelebt wird, dann ist das Geistig-Seelische mit dem physischen Organismus so verbunden, wie das eben zwischen Geburt und Tod nach der menschlichen Organisation sein soll. Wenn Sie die körperlichen Funktionen in asketischer Weise herabdrücken, dann geschieht etwas Ähnliches, wie es heute in minderem Grade bei den Menschen geschieht, die sich irgendwo etwas verletzen.

Nun, wenn man weiß, wie der heutige Mensch ist, wenn ihm nur ein klein wenig etwas weh tut, dann ist es klar, daß es von da ein weiter Abstand ist zu dem, was zuweilen alte Asketen ertrugen, um nur ihren seelischen Organismus freizubekommen. Dann erlebten sie aber mit dem seelischen Organismus, der durch die Askese aus dem Körper herausgetrieben wurde, in der geistigen Welt. Im wesentlichen sind eigentlich auf diesem Wege alle älteren großen Religionsvorstellungen gewonnen.

Die modernen Erklärer des religiösen Bewußtseins machen sich die Sache etwas leicht. Sie erklären die religiösen Vorstellungen für eine Dichtung, weil sie vor allen Dingen an dem Satze festhalten: Dasjenige, was der Mensch über die Welt an solchen Erkenntnissen gewinnen soll, das darf nicht weh tun. - Auf diesem Standpunkt standen eben die alten Religionssucher nicht, sondern sie waren sich klar: Wenn der Mensch in seinem physischen Organismus voll drinnensteckt - was für seine irdische Arbeit selbstverständlich das Richtige ist; es soll nicht ein falsches, weltfremdes Wesen etwa als das Richtige geschildert werden -, kann er nichts erleben in der geistigen Welt. Dieses Erleben in der geistigen Welt, das suchten eben die alten Asketen dadurch, daß sie den Körper abstumpften, ihm sogar Schmerz zufügten. Denn jedesmal, wenn sie aus einem Glied durch Schmerz das Geistig-Seelische heraustrieben, erlebte dieses Stück Geistig-Seelisches in der geistigen Welt. Und die großen Religionen sind eben nicht schmerzlos errungen, sondern sie sind durch gründliches Erleiden errungen. Dasjenige, was sich da als Ergebnisse der menschlichen Entwickelung mitgeteilt hat, das wird heute durch den Glauben aufgenommen.

Heute trennt man hübsch voneinander ab: Wissen auf der einen Seite, das Wissen soll Naturwissen der äußeren Welt sein. - Nun, das erwirbt man durch den Kopf. Der Kopf ist dickschädelig, dem tut das nicht weh, insbesondere weil auch die Erkenntnisse durch außerordentlich dünnmaschige Begriffe gewonnen werden. Und auf der anderen Seite: Was sich erhalten hat als ehrwürdige Traditionsvorstellungen, das nimmt man, wie man sagt, durch den Glauben auf. Aber eigentlich müßte man von einem gewissen Gesichtspunkt aus sagen:

Der Unterschied zwischen dem Wissen und dem Glauben ist der, daß man heute den Willen hat, als Wissen nur dasjenige gelten zu lassen, was nicht weh tut, wenn man es erringt, und daß man durch den Glauben, der auch nicht weht tut, dasjenige zu erringen sucht, was einmal als ein Wissen, das allerdings nicht der sinnlichen Welt angehört, auf sehr schmerzvolle, leidvolle Art errungen worden ist.

Nun, auch der asketische Weg kann nicht der Weg des Menschen der Gegenwart sein, trotz alledem, was ich eben gesagt habe. Warum, das werden wir bei einer anderen Gelegenheit betrachten. Aber es ist heute durchaus möglich, durch eine innere Selbstzucht, durch eine Willenszucht, dadurch, daß man seine Entwickelung, die sonst nur das Leben und die Erziehung bringt, selbst in die Hand nimmt, in der eigenen Persönlichkeit in die Willenswachstumskräfte einzugreifen. Wenn man sich zum Beispiel sagt: Du mußt in fünf Jahren dir etwas angewöhnt haben, und du willst diese fünf Jahre alle Gewalt deines Willens darauf lenken, dir dieses anzugewöhnen - wenn man dann so die Entfaltung des Willens nach der inneren Vervollkommnung treibt, dann löst man das Geistig-Seelische auch ohne Askese aus dem Leiblichen heraus, dann fühlt man zunächst das, was man in dieser Selbstvervollkommnung unternehmen muß, als etwas, was unter fortwährender Eigentätigkeit vollzogen werden soll.

Jeden Tag muß man irgend etwas innerlich verrichten. Es sind manchmal kleine Verrichtungen, aber sie müssen mit eisernem Fleiß und mit einer unwiderstehlichen Geduld ausgeübt werden. Man kann es ja öfter erleben, daß, wenn man den Leuten solche Übungen empfiehlt wie: Du sollst zum Beispiel an jedem Morgen einen ganz bestimmten Gedanken haben -, sie voller Feuereifer sind, das zu tun. Aber es dauert nicht lange, da erlahmt wiederum alles, und da soll die Sache von selber gehen. Da merken Sie, das wird mechanisch, weil sie die stärkere Kraft, die immer mehr und mehr nötig wird, nun nicht anwenden wollen.

Erstens hat man also diesen Widerstand der eigenen Trägheit zu überwinden; dann aber kommt der andere Widerstand, der von dem Objektiven herrührt. Es ist, wie wenn man sich durch etwas Dichtes hindurcharbeiten müßte, und dann kommt wirklich jenes innere Erlebnis, daß das Denken, das sich allmählich entwickelt hat, das lebendig geworden ist, das jetzt Raumrichtungen, überhaupt Lebendiges wahrnimmt, das in den Rhythmus der äußeren Welt sich hineinfindet, daß das einem weh tut, daß jede Erkenntnis, die errungen wird, schmerzt.

Ich kann mir ganz gut moderne Menschen vorstellen, die den Weg in die höheren Welten hinein gehen wollen. Sie fangen an. Die allererste leise Erkenntnis kommt. Das tut weh. Also bin ich krank, sagen sie. Es ist selbstverständlich, wenn einem etwas weh tut, so ist man krank. Aber wenn man höhere Erkenntnisse erringt, dann kann es einem manchmal sehr viel weh tun, und man ist doch nicht krank.

Es ist allerdings bequemer, anstatt fortzuschreiten auf dem Wege, den die höhere Erkenntnis notwendig macht - denn die seelischen Leiden werden immer größer-, es ist leichter, statt zu streben, diese seelischen Leiden zu überwinden, sich kurieren zu lassen. Man läßt sich etwas verschreiben, statt daß man auf dem Wege weitergeht. Selbstverständlich ist dies bequemer. Aber man kommt in der Erkenntnis nicht weiter dadurch.

Für den modernen Menschen ist es so, daß auch dieses Hineintauchen in den Schmerz, in das Leiden ein innerer seelischer Weg wird, so daß es sich rein seelisch abspielt, daß der Körper daran zunächst nicht eigentlich teilnimmt, insofern als der Körper robust und stark und der Außenwelt gewachsen bleibt, wie er es sonst bei den Menschen heute ist.

Dadurch aber, daß der Mensch beginnt, seine Erkenntnisse wie etwas an sich herankommen zu lassen, das Leid bedeutet, dadurch kommt er heute wiederum in diejenigen Regionen des geistigen Lebens hinein, aus denen einstmals die großen Religionswahrheiten geholt worden sind. Die großen Religionswahrheiten, das heißt diejenigen Wahrheiten, die religiös stimmen durch den Eindruck, den die höhere Welt, die übersinnliche Welt, die Welt, in der unsere Unsterblichkeit zum Beispiel wurzelt, macht, diese Wahrheiten können nicht ohne schmerzliche innere Erlebnisse errungen werden.

Wenn sie so errungen werden, können sie dann wiederum dem allgemeinen Menschenbewußtsein übergeben werden. Die Menschen sträuben sich heute gegen solche Wahrheiten aus dem einfachen Grunde, weil sie den Dingen anspüren, sie sind nicht so, wie man es gerne haben möchte. Denken Sie doch nur einmal, daß manchem schon recht fatal sein könnte, daß ich gestern gesagt habe: In diesen sich umwandelnden Astralleib, der dann im Herzen eingreift in den Ätherleib, da wird alles eingeschrieben, was der Mensch an Tätigkeit vollbringt, sogar dasjenige, was er einem anderen aufträgt, schreibt sich ein. Schon dieser Gedanke macht manchen zappelig im Inneren. Und die großen Wahrheiten fordern eben auch in gewissem Sinne einen inneren Mut der Seele, der sich dazu aufschwingt, sich zu sagen: Erlebst du diese Dinge, dann muß du bereit sein, Erkenntnis dir zu erringen durch Entbehrung und Schmerz.

Das soll nicht zur Entmutigung gesprochen sein, obwohl es heute für viele Menschen zur Entmutigung gesprochen ist, aber es ist eben einfach aus der Wahrheit heraus gesprochen. Was nützt es, den Menschen zu sagen, sie können im Wohlergehen in die höchsten Welten einziehen, wenn es doch nicht wahr ist, wenn das Eindringen in die höheren Welten erfordert, daß Überwindungen geschehen, daß Leidvolles überwunden werde.

Und so versuchte ich Ihnen heute zu schildern, meine lieben Freunde, wie man zu dem Menschlichen vordringt. Dieses Menschlich-Seelisch-Geistige ist ja tief innerlich im Menschen verborgen. Man muß erst zu ihm vordringen. Aber der Mensch muß auch, wenn er nicht selber vordringt, wissen, daß da in ihm ein Verborgenes ist, und er muß kennenlernen aus den Anforderungen der heutigen Zeit heraus, wie solche Dinge, wie sie gestern geschildert worden sind, in Wahrheit verlaufen.

Finden kann man solche Dinge nur auf solchen Erkenntniswegen, wie ich sie heute wieder angedeutet habe und wie sie in verschiedener Weise gegangen worden sind in alten und in neuen Zeiten.

Morgen wollen wir dann die gestrigen und die heutigen Betrachtungen verbinden in eine solche, die uns weiter hineinführen soll in die geistigen Welten, wie wir das auch heute versuchten.

GA 212 RUDOLF STEINER
Menschliches Seelenleben und Geistesstreben
im Zusammenhange mit Welt- und Erdentwickelung
Neun Vorträge, gehalten in Dornach vom 29. April bis 17. Juni 1922
SIEBENTER VORTRAG Dornach, 27. Mai 1922