Der Einzige und sein Eigentum - Max Stirner

Ich hab’ Mein’ Sach’auf Nichts gestellt.

Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sa- che der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sa- che Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein. „Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!“

Sehen Wir denn zu, wie diejenigen es mit ihrer Sache machen, für deren Sache Wir arbeiten, Uns hingeben und begeistern sollen.

Ihr wißt von Gott viel Gründliches zu verkünden und habt Jahrtausende lang „die Tiefen der Gottheit erforscht“ und ihr ins Herz geschaut, so daß Ihr Uns wohl sagen könnt, wie Gott die „Sache Gottes“, der Wir zu dienen berufen sind, selber betreibt. Und Ihr verhehlt es auch nicht, das Treiben des Herrn. Was ist nun seine Sache? Hat er, wie es Uns zugemutet wird, eine fremde Sache, hat er die Sache der Wahrheit, der Liebe zur seinigen gemacht? Euch empört dies Mißverständnis und Ihr belehrt Uns, daß Gottes Sache allerdings die Sache der Wahrheit und Liebe sei, daß aber diese Sache keine ihm fremde genannt werden könne, weil Gott ja selbst die Wahrheit und Liebe sei; 

Euch empört die Annahme, daß Gott Uns armen Würmern gleichen könnte, indem er eine fremde Sache als eigene beförderte. „Gott sollte der Sache der Wahrheit sich annehmen, wenn er nicht selbst die Wahrheit wäre?“ Er sorgt nur für seine Sache, aber weil er Alles in Allem ist, darum ist auch alles seine Sache; Wir aber, Wir sind nicht Alles in Allem, und unsere Sache ist gar klein und verächtlich; darum müssen Wir einer „höheren Sache dienen“. – Nun, es ist klar, Gott bekümmert sich nur um’s Seine, beschäftigt sich nur mit sich, denkt nur an sich und hat nur sich im Auge; wehe Allem, was ihm nicht wohlgefällig ist. Er dient keinem Höheren und befriedigt nur sich. Seine Sache ist eine – rein egoistische Sache.

Wie steht es mit der Menschheit, deren Sache Wir zur unsrigen machen sollen? Ist ihre Sache etwa die eines Andern und dient die Menschheit einer höheren Sache? Nein, die Menschheit sieht nur auf sich, die Menschheit will nur die Menschheit fördern, die Menschheit ist sich selber ihre Sache. Damit sie sich entwickle, läßt sie Völker und Individuen in ihrem Dienste sich abquälen, und wenn diese geleistet haben, was die Menschheit braucht, dann werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen. Ist die Sache der Menschheit nicht eine – rein egoistische Sache?

Ich brauche gar nicht an jedem, der seine Sache Uns zuschieben möchte, zu zeigen, daß es ihm nur um sich, nicht um Uns, nur um sein Wohl, nicht um das Unsere zu tun ist. Seht Euch die Übrigen nur an. Begehrt die Wahrheit, die Freiheit, die Humanität, die Gerechtigkeit etwas anderes, als daß Ihr Euch enthusiasmiert und ihnen dient?

Sie stehen sich alle ausnehmend gut dabei, wenn ihnen pflichteifrigst gehuldigt wird. Betrachtet einmal das Volk, das von ergebenen Patrioten geschützt wird. Die Patrioten fallen im blutigen Kampfe oder im Kampfe mit Hunger und Not; was fragt das Volk darnach? Das Volk wird durch den Dünger ihrer Leichen ein „blühendes Volk“! Die Individuen sind „für die große Sache des Volkes“ gestorben, und das Volk schickt ihnen einige Worte des Dankes nach und – hat den Profit davon. Das nenn’ Ich Mir einen einträglichen Egoismus.

Aber seht doch jenen Sultan an, der für „die Seinen“ so liebreich sorgt. Ist er nicht die pure Un- eigennützigkeit selber und opfert er sich nicht stündlich für die Seinen? Ja wohl, für „die Seinen“. Versuch’ es einmal und zeige Dich nicht als der Seine, sondern als der Deine: Du wirst dafür, daß Du seinem Egoismus Dich entzogst, in den Kerker wandern. Der Sultan hat seine Sache auf Nichts, als auf sich gestellt: er ist sich Alles in Allem, ist sich der einzige und duldet keinen, der es wagte, nicht einer der „Seinen“ zu sein.

Und an diesen glänzenden Beispielen wollt Ihr nicht lernen, daß der Egoist am besten fährt? Ich Meinesteils nehme Mir eine Lehre daran und will, statt jenen großen Egoisten ferner uneigennüt- zig zu dienen, lieber selber der Egoist sein. Gott und die Menschheit haben ihre Sache auf Nichts gestellt, auf nichts als auf Sich. Stelle Ich denn meine Sache gleichfalls auf Mich, der Ich so gut wie Gott das Nichts von allem Andern, der Ich mein Alles, der Ich der Einzige bin. <8> 

<8>Hat Gott, hat die Menschheit, wie Ihr versichert, Gehalt genug in sich, um sich Alles in Allem zu sein: so spüre Ich, daß es Mir noch weit weniger daran fehlen wird, und daß Ich über meine „Leerheit“ keine Klage zu führen haben werde. Ich bin [nicht] Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem Ich selbst als Schöpfer Alles schaffe.

Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar Meine Sache ist! Ihr meint, Meine Sache müsse wenigstens die „gute Sache“ sein? Was gut, was böse! Ich bin ja selber Meine Sache, und Ich bin weder gut noch böse. Beides hat für Mich keinen Sinn.

Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache „des Menschen“. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie Ich einzig bin.

Mir geht nichts über Mich!

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<8>Einleitung von Max Stirner zu seinem Hauptwerk - Der Einzige und sein Eigentum

<8>online nachlesbar beim <8><8>Max Stirner Archiv Leipzig max-stirner-archiv-leipzig.de

Wer glaubt, wird selig.

Niemals wäre die Menschheit so weit gekommen ohne solche Brüder, welche in der Entwickelung ihren andern Mitmenschen weit, weit vorangeschritten waren. Zu allen Zeiten, immer und überall hat es Menschen gegeben, die sich rascher die Stufen des Daseins hinaufentwickelten, um Führer sein zu können, um die andere Menschheit leiten zu können. Solche Persönlichkeiten, solche Individualitäten werden von der Geistesforschung die Hüter der Weisheit, die Hüter des Menschenfortschrittes genannt.

Solche Hüter des Menschenfortschrittes hat es immer gegeben. Es gibt sie auch heute noch. Diese großen Individualitäten, diese Persönlichkeiten, die heute auf einer Stufe des Daseins angekommen sind, wohin die Mehrzahl der Menschheit erst in einer fernen, fernen Zukunft kommen wird, waren auch in den vorchristlichen Zeiten, in den zwei ersten Vierteln der Menschheitsentwickelung vorhanden. Sie leiteten die Welt, sie waren die Behüter der Menschheit und brachten Ordnung und Zusammenhang in die Menschheit.

Wo hatten jene Leiter des Menschengeschlechts ihr Wissen, ihre Weisheit her? Und worin bestand diese Weisheit?

Man leitete das Sichtbare durch das Unsichtbare, das Sinnliche durch das Übersinnliche. Man leitete die materiellen Zusammenhänge durch dasjenige, was im Materiellen unsichtbar schlummert.

Schlummert es im Materiellen unsichtbar? Ein einfaches Nachdenken kann Sie davon überzeugen. Sehen Sie hinauf zur Wolke. Sie erscheint Ihnen hell und dunkel. Sie kündigt Ihnen ein Gewitter an. Und während Sie noch hinaufsehen, zuckt der Blitz durch die Wolke, rollt der Donner. Wo war der Blitz, wo war der Donner? Sie schlummerten, sie schliefen als verborgene materielle Kräfte.

So wie Blitz und Donner schlummerten, so schlummern noch eine Menge verborgener Kräfte in dem Sichtbaren als Unsichtbares, in dem Sinnlichen als Übersinnliches.

So wie unsere ganze äußere Kultur im Grunde genommen dahin gekommen ist, wo sie ist, dadurch daß der Mensch gelernt hat, die einfach in der Materie schlummernden Kräfte und Fähigkeiten zu wecken, so kommt die große geistige Kultur davon her, daß die Hüter der Menschheit imstande sind, die im Sinnlichen schlummernden übersinnlichen Kräfte, die im Irdischen schlummernden überirdischen Fähigkeiten zu erwecken und das Niedere durch das Höhere zu beherrschen vermögen.

So wie der Baumeister die Anziehungskräfte der Erde benützt, um auf die Säule den Balken zu legen, also eine in der Materie schlummernde Kraft benützt, um durch die verschiedene Kombination von Säulen und Balken unsere Gebäude aufzuführen, und wie der Elektriker unsere Motoren und andere elektrische Apparate mit der unsichtbaren elektrischen Kraft beherrscht, so beherrschen die Hüter der Weisheit und des Menschheitsfortschrittes die irdischen Kräfte durch dasjenige, was nicht sinnlich in der Welt vorhanden ist.

Das Sichtbare wird nicht durch das Sichtbare beherrscht, sondern durch das Unsichtbare.

Nicht derjenige ist weltfremd, der sich erheben wird durch das Unsichtbare über das Sichtbare, sondern derjenige, der am Sichtbaren hängenbleibt.

Der wahre Wirklichkeitsmensch ist der, welcher die Welt beherrscht durch das, was in ihm schlummert, damit er die Wirklichkeit gestalten, aufbauen und in den Dienst des Menschheitsfortschrittes stellen kann.

So wie der Baumeister und der Elektriker die in der Materie schlummernden Kräfte benützen, um Häuser zu bauen, um mechanische Kultur zu schaffen, so benützen die großen Hüter der Weisheit und des Menschheitsfortschrittes die im Menschentum liegenden Kräfte, um die Menschen selbst zu ihrem Ziele zu führen, um dasjenige, was in der Außenwelt chaotisch durcheinanderwirbelt, zu gliedern und ihm Bedeutung zu geben.

Niemals war die Fortentwickelung von der instinktiven, dann gesetzmäßigen [verstandesmäßigen] Periode herauf bis zu der unsrigen sinnlich. Das aber mußten die weisen Hüter der Menschen erst erfahren, erst erlebt haben, sie mußten davon ganz durchdrungen sein, nicht aus blindem Glauben, nicht aus vagen Überzeugungen, sondern aus geistiger Erfahrung heraus.

Sie mußten sich klar darüber sein, daß es ein Übersinnliches gibt, ein Übersinnliches in und außer dem Menschen, daß das, was sich abspielt zwischen Geburt und Tod, nur die eine Seite unseres Daseins ist und daß es einen Wesenskern gibt, der hinausreicht über Geburt und Tod, daß es im Menschen etwas gibt, was umfassender als alles Sinnliche ist, was der Schöpfer der Gestalt und der Erhalter alles Sinnlichen ist, und dies nicht etwa aus einer Vermutung, sondern aus der unmittelbaren übersinnlichen, ewigen Anschauung heraus.

Aus dieser Anschauung heraus mußten die Hüter der Menschheit handeln, dann aus der Erkenntnis heraus, daß der Tod zu besiegen ist, daß ein Bewußtsein zu erringen ist, daß es etwas gibt, was den Tod als ein Ereignis wie andere Ereignisse im Leben erscheinen läßt. Nur aus einer solchen Erfahrung heraus erwächst dem Menschen die Kraft, das Sinnliche aus dem Übersinnlichen, das Sichtbare aus dem Unsichtbaren heraus zu beherrschen.

Soll ich also mit wenigen Worten sagen, worin das große Geheimnis derjenigen, die wir die großen Hüter der Menschheit nennen, bestand, so muß ich sagen, diese Hüter der Weisheit und des Menschheitsfortschrittes wußten, daß es im Menschen etwas gibt, das den Tod besiegt. Sie mußten hinter die Kulissen des Daseins, hinter die Regionen des Daseins sehen, die der Mensch betritt, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist.

Das, was hinter dem Sinnlichen liegt, mußte ihnen durch die Erfahrung zugänglich sein. Und dieses hinter der sinnlichen Welt Liegende lernten sie kennen in den sogenannten Einweihungstempeln, in den Einweihungstempeln der alten ägyptischen Priester und Geheimlehrer, in den Schulen der eleusinischen und anderer griechischer Einweihungstempel.

Diejenigen, welche reif waren, diese Überzeugungen sich zu erwerben, wurden in diese Geheimnisse eingeweiht. Nur mit wenigen Worten alles übrige wird in den nächsten Vorträgen herauskommen kann ich andeuten, was in diesen Einweihungstempeln, in diesen hohen Schulen des geistigen Lebens den Menschen überliefert worden ist.

Nur wenige, einzelne Auserlesene, konnten in solcher Weise, unmittelbar durch die Schau, teilhaftig werden an dem höheren geistigen Leben.

Von einem solchen, der Anteil genommen hat an der geistigen Welt, weil er sie geschaut hat, sagte man, er ist selig.

Die Menge hatte keinen andern Anteil als den an den Verkündigungen solcher Schauenden, solcher Eingeweihten.

Da trat das Christentum auf, und durch das Christentum wurden diese ganzen Verhältnisse anders.

Darin liegt die ganze Tiefe der Umwandlung, welche durch das Christentum in der Menschheit bewirkt worden ist. Sie ist ausgedrückt in einem gewaltigen Wort, und das heißt: «Selig sind diejenigen, die da glauben, auch wenn sie nicht schauen.»

Das Geheimnis des Christentums liegt in diesem Wort, und wir verstehen es nur, wenn wir es möglichst wörtlich nehmen. Was heißt es? Wir wissen, daß derjenige, welcher in einem Einweihungstempel die Einweihung erfahren hatte, wußte, daß er den Tod besiegte, daß er die Grablegung mitmachte und selig geworden ist durch die Schau.

Nun kam eine große Individualität, die auf dem äußeren Plane der Geschichte vor aller Augen, so weit diese Augen es sehen wollten oder es durch den Glauben, durch die Vereinigung mit der einzigartigen Persönlichkeit aufnehmen konnten, dieses große Ereignis, das sich für die Eingeweihten in dem tiefen Dunkel der Mysterientempel so oft abgespielt hatte, einmal äußerlich auf dem geschichtlichen Plane vollzog. Das war das Ereignis, das sich im Jahre 33 in Palästina abspielte.

Das, was bis dahin mehr oder weniger symbolisch in den Tiefen der Tempel empfangen und gehütet worden ist, das war jetzt historische Wahrheit, geschichtliche Wirklichkeit auf der großen Bühne des Lebens geworden. Das muß man verstehen, denn das ist wichtig.

Ich habe wirklich mit vollem Bedacht meine kleine Schrift über das Christentum nicht: «Die Mystik des Christentums» betitelt, sondern «Das Christentum als mystische Tatsache». Ich wollte nicht das Mystische des Christentums darstellen, sondern das Christentum selbst sollte als mystische Tatsache verstanden werden. Das ist es, worauf es ankommt.

Jetzt haben wir ein Ereignis vor alle hingestellt, welches ausspricht vor allen Menschen, daß der Tod zu besiegen ist und daß es im Geiste ein Leben gibt, das über allen Tod hinausreicht, denn der Einzige hatte den Tod besiegt. Er hatte dasjenige, was die Eingeweihten als ihre Erfahrung in den Mysterien erlebt haben, vor aller Augen dargelebt.

Jetzt brauchte man nicht mehr ins Mysterium hineinzugehen, um zu schauen, jetzt konnte man glauben und sich verbunden fühlen mit demjenigen, der in der physischen Welt das große Ereignis vom Siege des Lebens über den Tod dargelebt hat. Jetzt konnte man glauben, wenn man auch nicht schaute. Derjenige versteht die religiösen Bücher richtig, der sich wieder aufringt zu einem wörtlichen Verstehen. Das Schauen bedeutet nämlich wörtlich das Schauen in den Mysterien, und das Glauben ist der Glaube an die Tatsache der Besiegung des Todes durch das Leben, das Christus uns dargestellt hat.

So dürfen wir sagen, daß die größte Weisheitslehre des Christentums die ist, daß die Weisheitslehre der verschiedenen Religionen im Christentum zur Tatsache geworden ist.

Quelle: https://anthrowiki.at/GA_54 S. 260 ff

Gegner der Demokratie in den USA

Die Kräfte, die gegen die Demokratie sind, gibt es seit langem, wahrscheinlich sogar schon immer. In den 1960er kam es zu einer wachsenden Politisierung von, vor allem jungen, Menschen. Viele Menschen fanden ihren persönlichen Weg zur Arbeit für die Gemeinschaft, zum Einsatz für die Demokratie, zum Engagement für Frieden. 

Die Gegner dieser Kräfte, so interpretierten sie selbst diese Entwicklung, waren wohl für einige Zeit etwas nachlässig im Unterdrücken dieser Kräfte geworden. Sie riefen zum gemeinsamen, vereinten Gegenschlag gegen die Demokratisierungsbestrebungen auf. 

Zwei Veröffentlichungen dieses Geistes nennt Noam Chomsky in folgendem Interview.

Noam Chomsky on How Businesses Sought to Destroy the Democratic Movements of the 1960s

Den genauen Wortlaut, den Chomsky zitiert, kann man hinter dem Link zum pdf Dokument eines der Bücher auf Seite 171 nachlesen.

https://scholar.google.com/scholar_lookup?title=The%20Crisis%20of%20Democracy.%20Report%20on%20the%20Governability%20of%20Democracies%20to%20the%20Trilateral%20Commission&author=Michel%20J..%20Crozier&author=Samuel%20P..%20Huntington&author=Joji.%20Watanuki&publication_year=1975

 Hier die besagte Stelle als Auszug:








Ein Meister der Liebe - von Herbert Hahn

Durch die Länder der untergehenden Sonne wanderte vor Zeiten ein Mann, der viel von sich reden machte. Man erzählte sich Wunder über Wunder von seinem Wirken, den Meister der Liebe nannte man ihn. Es war und blieb eigen, daß man nie wußte, wo er gerade weilte. Er tauchte geheimnisvoll auf und verschwand geheimnisvoll. Meist begleitete ihn einer der eifrigeren Schüler.

Ein Edelmann, dem weniger an seinem Namen, als an seinem Werden und Wachsen lag, wollte den Meister der Liebe kennen lernen. Viel Mühe und viele Mittel hatte er schon ans Lernen gewandt. Nie scheute er auch viele Mittel und Mühe, die Fährte des Meisters der Liebe zu suchen. Er suchte fast drei Jahre, von Land zu Land, rastlos. Eines Abends kam er in ein Dorf, wo er hörte, wenige Stunden zuvor sei der Meister der Liebe dagewesen. Er habe zuletzt den Acker einer armen Witwe zum Gedeihen gesegnet; nun sei er in der Richtung der nahen Waldkapelle fortgezogen.

Obwohl es schon dunkel werden wollte, nahm der Edle rasch Abschied, sprang auf sein Roß und sprengte dem Walde zu. Bald stieß er auf zwei Wanderer: einen ehrwürdigen Greis mit klarem, tiefem Blick, einen Jüngling unscheinbaren Gesichtes, unscheinbarer Kleidung, aber sehr gerader Haltung. Der Edle sprang vom Pferd, verneigte sich tief und sprach: »Darf ich den Meister der Liebe grüßen? Ist mir verstattet, ihn zu begleiten?«

Der Greis antwortete nicht. Er winkte still, aber freundlich mit der Hand, während der Jüngling regungslos dastand. Der Edle freute sich des bescheidenen Gebarens. Gerne wollte er der Hand dieses Greises folgen. Er verehrte ihn schon lange, nun fand er ihn liebenswert. Er nahm sein Pferd an den Zügel und schritt neben den beiden Wanderern einher, der hereinbrechenden Nacht zu. Es war ihm peinvoll, ein Pferd zu haben, während seine Begleiter so arm durch die Welt zogen.

Da begegnete ihnen ein Bettler. Der Alte reichte ihm die Hand und schenkte ihm einen Kreuztaler. Der Jüngling blieb stumm stehen. Dem Edlen kam ein schöner Gedanke. Er ging auf den Bettler zu und bot ihm sein Pferd zum Geschenk. Hocherfreut nahm jener die Gabe des Edlen an. Als der Bettler das Pferd davon führte, murmelte der Alte ein Wort des Lobes. »Das war mein erster Unterricht beim Meister der Liebe«, dachte der Edle erfreut, »das Weitere wird schon kommen.« Eins nur war ihm befremdlich: Der Jüngling zuckte die Achseln.

Sie kamen bald an die Waldkapelle. Dicht dabei war ein Buschwächterhaus. Der Wächter war gestorben, Frau und Tochter aber wohnten noch im Haus. Sie erlaubten den Fremden, zu übernachten. Diese machten dafür am Morgen Holz klein und trugen Wasser herbei. Der Jüngling grub noch einige Beete im Garten um. Sie machten sich dann auf den Weg. Des Buschwächters Töchterlein brachte zum Abschied Veilchen, jedem Wanderer einen Veilchenstrauß. Dann winkte sie den Fremden nach. Schon beim nächsten Schritt warf der Jüngling sein Sträußlein hinter sich. Und wieviel das Mädchen auch winkte, er schaute kein einziges Mal zurück.

Der Alte blickte den Jüngling verwundert an, sagte aber nichts. »Der Grobian«, dachte der Edle. »Und so etwas tut er beim Meister der Liebe?« Mittags kamen sie an ein Nonnenkloster. Dessen Vorsteherin war weit und breit berühmt wegen ihrer Sanftmütigkeit. Niemand erinnerte sich, daß je ein böses Wort über ihre Lippen gekommen war. Die gütige Vorsteherin ließ die Fremdlinge mit herrlicher Speise laben. Auf die Bitte des Edlen führte sie sie dann noch durch die einfachen und doch so stimmungsvollen Gemächer. »Hier das Zimmer meiner Andacht«, sagte sie leise. Sie wies in einen kleinen, matt erhellten Raum. Das Sonnenlicht brach sich in einer zartgoldenen Fensterscheibe. In ihrem Rahmen lächelte holdselig ein wundersames Bildnis der heiligen Cäcilia. Alle traten scheuen Schrittes ein. Der Jüngling stolperte voran. Er wollte mit dem Stab gegen die Scheibe weisen, glitt aus und fiel ins Fenster. Scheiben klirrten zu Boden, die anderen schrien auf. »O, es ist Glasl« rief er gleichsam befriedigt.

Die greise Führerin bebte. Tränen traten ihr in die Augen, Röte schoß ihr ins Gesicht. »Nehm' sich der Flegel besser in achtl Verzeih ihm Gott die Sündel« Und schluchzend wandte sie sich zum Alten: »Das ist das Bild, vor dem ich seit vierzig Jahren täglich gebetet habe.« Der Alte war betreten. Aber er zuckte nur mit den Achseln.

Dem Edlen brannte sein Stab in der Hand. Aber er schaute immer nur den alten Mann mit dem klaren, tiefen Blick an. Als jener tief demütig die Hand der Vorsteherin küßte, dachte er: »Welch ein Meister der Liebe ist er doch. Ja, bei ihm werde ich wahrhaft groß!« Als sie aber wieder auf dem Wege waren, nahm er den Alten ein wenig bei Seite und flüsterte ihm zu: »Ihr sollt doch euren Begleiter da etwas weniger verziehen!« Der Alte schüttelte den Kopf.

Am Abend kamen sie in die Stadt. Sie gingen zu einem Arzte, der eben ein großes Buch vollendet hatte. Er hieß, fremden Besuches viel gewohnt, die drei herzlich willkommen. »Übernachten könnt ihr in meiner Studierstube, wenn euch der Staub nicht zu dick ist.« Der Alte lächelte: »Wir kommen von der Landstraße.«

Bald war er in tiefem Gespräch mit dem Arzte, die andern hörten zu. Sie hörten, wie der Greis erzählte von der Wirkung der im Frühling blühenden Pflanze, von der Wirkung der im Herbst blühenden, von einfachen Kräutern, die nur bei gewisser Mondstellung heilkräftig werden, von hundert Geheimnissen des innigen Verbundenseins von Pflanze und Mensch. Der Arzt hörte andächtig zu. Er schrieb sich Bemerkungen auf. Er hatte einen Packen von Blättern schon zum Buch gefügt; jetzt band er sie auf und schrieb hier und schrieb dort, während der Alte freudig erzählte. »Ein Meister der Liebe und des Wissens!« so staunte unser Edler.

Da es noch nicht weit im Jahr war, und der Abend kühl wurde, machte man im Kamin ein Feuer. Man wollte den Duft junger Blüten atmen, und so blieb ein Fenster offen. Der Alte erzählte, der Arzt schrieb; die anderen hörten zu. Niemand schien zu merken, wie am Abendhimmel eine dunkle Wolke heraufkam. Plötzlich fuhr ein Windstoß ins Zimmer und packte einige Blätter. Jäh wirbelten sie in den Garten hinaus. Der Arzt, der Alte, der Edle, alle drei stürzten nach in den Garten. Ein Regenguß war nah. Weh, wenn die kostbaren Blätter verwischt oder zerfetzt würden. Immer stärkere Stöße folgten. Alle haschten und haschten. Niemand merkte, daß der Jüngling im Zimmer blieb.

Endlich gelang es, alle Blätter zu fassen. »Das hätte bös werden können«, sagte der Arzt atemlos. Glücklich traten die drei wieder in die Stube. Aber wie taumelten sie zurück, als ihnen dicker Qualm entgegenschlug. Ein Windstoß hatte die übrigen Blätter gepackt und zum Kamin geweht. Einige Fetzen, verkohlt und verschrumpft, flogen im Zimmer herum. Ein dickes Bündel glühte über dem Holz. Der Jüngling stand vor dem Kamin, hielt seinen Mantel ausgebreitet, daß ja kein Blatt ins Zimmer fliege. Der Arzt sank ohnmächtig nieder. Der Greis war erschüttert. Er schloß das Fenster und legte dem Ohnmächtigen ein nasses Tuch auf die Stirn. Der Jüngling trat zu dem Ohnmächtigen und hielt einen Augenblick seine Hand auf dessen Stirn. Der Arzt erwachte. »Hab Dank!«. »Nicht diesem, nicht diesem«, schrie der Edelmann auf. »Er hat ja - -.« Er konnte nicht vollenden. Der Alte packte ihn am Arm und zog ihn hinaus. Bald waren sie wieder im Wald. Als die ersten Bäume sie umfingen, blieb der Edle stehen.

»Meister der Weisheit, das ist zu viel. Der steht dabei, läßt ein Lebenswerk verbrennen und schämt sich nicht des Dankes. Herr, wie kannst du es dulden?

Treib ihn fort, der nicht wert ist, dein Schüler zu sein. Oder ich muß dich noch heute verlassen.« Der Alte schrak zusammen. Dann raunte er: »Herr, halt an. Nicht er der Schüler. Ich - - nur Schüler. Er - - der Meister der Liebe.« Der Edle glaubte zu träumen. »Jener - - - der Meister der Liebe?«

Ihm schwindelte. »Herr, wenn das Liebe ist und du der Schüler dieser Liebe bist, dann bin ich toll oder die Welt. Ich sehe, man hat meiner gespottet: Ich scheide, noch jetzt.« Er wollte sich zum Gehen wenden.

Der Jüngling trat vor. »Nimm noch den Sinn!« Sein Gesicht war verwandelt.

Sein Auge strahlte sonnenstark. Sein ganzes Wesen atmete Gnade. Der Edle verstummte. Als der Alte diese Veränderung sah, flüsterte er ihm zu: »Glaubst du bald, daß ich nicht zu alt bin, jenes Meisters Schüler zu sein?«

Da die beiden andern sich setzten, ließ sich auch der Edle nieder. Der Jüngling sprach. »Du wunderst dich dessen, was du heute sahst? Und dennoch tat ich Schwacher nur Dienste der Liebe.

Daß ich den Veilchenstrauß von mir warf, hatte guten Grund. Das Mädchen, welches einem anderen die Treue gelobt, hatte Liebe zu meiner Gestalt gefaßt. Hätte ich nur einmal noch umgeschaut, sie hätte in einem einzigen Blick ihre Treue verloren, für immer. So war ich hart im Dienste der Liebe. Die Vorsteherin des Klosters war ganz umgarnt von süßlicher Frömmigkeit und versteckter Eitelkeit. Die Menschen hielten sie keines Vergehens mehr fähig. Sie sagten, sie sei selbst ein Engelwesen geworden, der heiligen Cäcilia gleich, vor der sie täglich kniete. Da deckte ich ihr die Teufelsfratze in ihrer Seele auf. Da machte ich frischen Zug und wurde tölpelhaft aus Liebe. Der Arzt lief Gefahr, über seinem Buchschreiben einzuschlafen. Bücherschreiben ist ihm nichts Neues. Das konnte er schier, als er noch in der Wiege lag. Aber dies Leben verlangt Neues von ihm. Es berief ihn zum Heiler. Drum ließ ich das Buch, das ich hätte retten können, ruhig verglimmen. Ich faßte die verbrannte Weisheit in dem Worte seines neuen Lebens zusammen und legte ihm dieses Wort aufs Haupt. Es wird in seinem Haupte wurzeln, in seinem Herzen blühen. Er wird noch morgen einem Kranken, den er nicht mehr besuchen wollte, das Leben retten; er wird heilen. Und in der Todesstunde wird er den Frühlingsabend segnen, an dem sein Buch verbrannte! So war ich ein Narr - auch aus Liebe. Hier ist der Sinn. Sein schwacher Diener bin ich nur.«

Der Greis neigte ergriffen das Haupt: »Mein Meister, mein Meister!«

Der Edle stand auf. Für ihn begann ein neues Leben. »Ich danke dir. Ein halbes Leben hab ich mich bereitet, drei Jahre suchte ich, einen Tag schaute ich. Nun gehe ich; für den Rest meiner Jahre hab ich genug zu tun.« Der Jüngling reichte ihm die Hand und hielt sie lange. »Geh nur und wirke. Doch bedenke dein Wirken, bis du heimreitest.«

Noch einmal staunte der Edle. »Ich - heimreiten? Gab ich nicht mein Pferd gestern abend hin im Anfangsunterricht der Liebe?« »Der Liebe? Ich sehe, mein neuer Freund wird den Sinn dieses Wortes noch länger suchen, als ich dachte. Der Bettler, dem du dein Pferd gabst, war ein schwerer Verbrecher.

Dein Roß war ihm willkommen zur Flucht vor dem Tod. Aber jetzt hängt er schon am Galgen. Man faßte ihn, als er im Wirtshaus Branntwein bestellen wollte für einen blinkenden Kreuztaler. Es war das Wirtshaus, wo man dir meine Spur wies. Geh nur dorthin, dort steht dein Pferd, angebunden an der Krippe. Geh in Frieden, mein Freund: ich sehe gute Frühlingswege für Reiter und Roß.«

Der Edle ging. Ein Stück Weges begleitete ihn der Alte, der so jung war im Lernen. Es war ganz still geworden. Als sie an den Waldsaum kamen, sahen sie, wie junges Mondlicht und Sternenglanz auf die Straße fielen. Der Duft kommender Blumen hob den Busen der Erde. »Wandre zu in den Frühling«, sagte grüßend der Alte. Der Edle ging. Jeder Schritt sprach ein Wort:

Ja, Frühling, jetzt kenn ich dich,
dich kenn ich seit heute,
dich, der du Sturm bringst, und Blüten im Sturm.
Du selber - ein Meister der Liebe !

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Herbert Hahn aus: Das goldene Kästchen. Erzählungen, Legenden, Märchen. Stuttgart 1981. 160 S. (Herbert Hahn gehörte 1919, zusammen mit Rudolf Steiner zum Gründungskollegium der ersten Waldorfschule in Stuttgart.)