«Es geschieht ohne alle Bitterkeit, wenn der Herausgeber dieser Blätter, auf Grund eines mehr als zehnjährigen Darinnenstehens in der anthroposophischen Bewegung und des anthroposophischen Studiums zu dem Geständnis sich genötigt sieht, daß er nirgends weniger wirkliches, erkämpftes und erlebtes Verständnis angetroffen hat für das Wesen der Denkautonomie im tiefsten Sinne Rudolf Steiners und damit letztlich für die Überwindung des abendländischen Theismus und Pantheismus als unter
- Anthroposophen. Das ist vielleicht deswegen so, weil es nicht anders sein kann; und wir haben die Gegebenheiten gelassen hinzunehmen.» (Aus: Rudolf Steiner Blätter Heft 1, Juni 1928)
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«Eine geistige Bewegung müßte sich stets neu entfachen an Ideen, die ihr Wollen verkörpern. (Die schlagkräftigste Bewegung der Gegenwart, der Marxismus, ist eine Ideen-Bewegung, mögen diese Ideen viel oder wenig wert sein. Man weiß hier wenigstens, was man will). Mir schiene es heute darauf anzukommen, daß man in starken Ideen darüber klar zu werden sucht, was man eigentlich als Anthroposophie in die Zeit hineinstellen will. Wir sehen auf vielen Teilgebieten – Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft usw. – anthroposophische Anregungen schönste Früchte hervortreiben, aber man möchte bei alledem fragen: wo bleibt denn die Anthroposophie selbst? Wo bleibt der revolutionäre Impetus, mit dem sich Rudolf Steiner in den neunziger Jahren einer allmächtigen geistigen Reaktion entgegengestemmt hat. Man nimmt die Resultate der Anthroposophie gerne aut, aber gibt man sich Rechenschaft darüber, dass die Gründe, weswegen diese Dinge möglicherweise wahr sind, um nichts weniger revolutionär sind und sein müssen als die des ‹Anarchisten› der neunziger Jahre? Vielmehr: die Methoden, diese Wahrheits-gründe aufzuweisen, legen doch in den voranthroposophischen philosophischen Schriften. Wir werden eine philosophische Erarbeitung des ‹Ereignisses Rudolf Steiner› unterscheiden lernen müssen von bloßer Rezeption von Gedanken. Das Resultat wird ganz und gar nicht Philosophie sein, sondern zweifellos Anthroposophie, aber eine Anthroposophie, die sich von allerhand wohlmeinenden Idealismen und Christlichkeiten zu unterscheiden weiß, die sich in die Diskussionen der Zeit hineinzustellen versteht. Daß Anthroposophie heute im Ernste keine Gegner hat, ist vielleicht ein bedenkliches Zeichen. Der Segen des gegenwärtigen anthroposophischen Schrifttums wirkt nicht aufregend. - ‹Was ist Anthroposophie?› - Ich habe alle Hochachtung vor der begrifflichen Sauberkeit Ungers, aber wenn Unger in seinem ‹offiziellen› Büchlein (Was ist Anthroposophie?›) sagt, Anthroposophie ‹möchte› das Geistige im Menschen mit dem Geistigen im Weltall vereinigen, so hat er zwar aus den ‹ Leitsätzen› richtig abgeschrieben, aber er sagt eine bodenlos naive Dummheit. Mit ‹möchten› läßt sich die Welt nicht imponieren. Wir verraten alle Opfer, wenn wir nicht den Mut haben, es in die Welt zu sagen, daß solche Verbindung tatsächlich geschehen ist. Wir werden die Konsequenzen solcher Behauptung auch in unseren Gedanken ziehen müssen, und die können nichts anderes bedeuten als den Bruch mit einem zweitausendjährigen ‹Christentum›. Statt dessen sehen wir, wie Anthroposophie als Vorspann dienen muß für Reaktionäre in allerhand Christlichkeiten.» (Brief an Keller, 4. Mai 1929).
Mir kommt es auf die Entscheidung der Frage an, ob Anthroposophie sich darin erschöpft, eine Schicksalsbewegung zu sein (als Erfüllung und Vollzug eines von weither angelegten Menschheitskarma), – oder ob sie sich dahin zu entwickeln vermag, eine Ideen-Bewegung zu sein. Das Letztere wird sie niemals im Widerspruch zur Ersteren sein können. Aber unter einer Anthroposophie als Ideen-Bewegung möchte ich doch etwas verstehen, was heute noch nicht ist. Der Hegelialismus war eine Ideen-Bewegung. Er konnte sich auf ein fertig ausgebildetes System des Gedankens stützen. Worauf hätte sich eine anthroposophische Ideen-Bewegung zu stützen. Ich habe mir gegen Unger die polemische Bemerkung erlaubt, dass man die Systematik nicht gar zu leicht diskreditieren sollte. Anthroposophie ist allerdings kein philosophisches System, aber – dies sagte ich Unger – Dr. Steiner selbst wirkte als sein ganzes Werk etwas, was auf höherer Stufe durchaus ein System genannt werden kann. Eine anthroposophische Ideen- Bewegung hätte dasjenige rationell zu durchdringen und darzustellen, was ich mit dem Ausdrucke, dass Ereignis Rudolf Steiner anzudeuten versuchte. (Brief an Weber 20. Januar 1930)
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«Man muß den Mut zum Anthropomorphismus bekommen - es muß aus dem Menschen heraus die Welt gefunden werden», schreibt Rudolf Steiner 1923 in ein Notizbuch. Und 1897 hatte es geheißen (in der Einleitung zu Goethes «Sprüchen in Prosa» in der von Rud. Steiner besorgten Ausgabe der wissenschaftlichen Arbeiten Goethes): «Der Mensch muß die Dinge aus seinem Geiste sprechen lassen, wenn er ihr Wesen erkennen will. Alles was er über dieses Wesen zu sagen hat, ist den geistigen Erlebnissen seines Innern entlehnt. Er muß anthropomorphisch denken. In die einfachste Erscheinung, z.B. in den Stoß zweier Körper bringt man einen Anthropomorphismus hinein, wenn man sich darüber ausspricht».
Kantischer «Subjektivismus»? Um vielleicht durch «Denknot-wendigkeiten» und Aprioritäten etwas logisch auffrisiert zu wer-den? Dann hätte Rudolf Steiner umsonst ein Leben daran gesetzt, um den Kant-Fichteschen «Idealismus» zu vernichten? Von «Erkenntnistheorie» abzusehen, lauten die Folge-Sätze des obigen Zitates: «Man vermenschlicht die Natur, wenn man sie erklärt, man legt die inneren Erlebnisse des Menschen in sie hinein. Aber diese subjektiven Erlebnisse sind («sind»!!; heiliger Kant!) das innere Wesen der Dinge. Und man kann daher nicht sagen, daß der Mensch die objektive Wahrheit, das «An sich» der Dinge nicht erkenne, weil er sich nur subjektive Vorstellungen über sie machen kann. Von einer andern als einer subjektı-ven menschlichen Wahrheit kann gar nicht die Rede sein ... Eine Philosophie kann niemals eine allgemeingültige Wahrheit überliefern, sondern sie schildert die inneren Erlebnisse des Phi-losophen, durch die er sich die äußeren Erscheinungen deutet.»
(Was ist's um Anthroposophie? August 1928)
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