Dem Drang der menschlichen Seele nach Eingliederung alles Wissens in eine Gesamtanschauung, aus der die höchsten geistigen Bedürfnisse befriedigt werden können, steht in unserer Zeit die Mutlosigkeit unseres Denkens gegenüber, welche es nicht dazu kommen lässt, eine solche Gesamtanschauung zu gewinnen. Diese Mutlosigkeit ist ein charakteristisches Merkmal des geistigen Lebens an der Jahrhundertwende [um 1900 und heute noch]. Sie trübt uns die Freude an den Errungenschaften der jüngstvergangenen Zeiten.
Wo immer jemand auftritt, der ein Gesamtbild unseres Wissens zu entwerfen sucht, da tönen unzählige von dieser Mutlosigkeit zeugende Stimmen, welche die Unmöglichkeit eines solchen Gesamtbildes betonen, welche behaupten, dass unser Wissen zu einem solchen Abschlüsse noch lange nicht reif sei. Auch solche Stimmen sind hörbar, die die Unmöglichkeit eines solchen Abschlusses verteidigen. Der menschliche Geist hätte gerade durch die Erfolge der Wissenschaften gesehen, wie unfähig er sei, über diejenigen Dinge etwas zu erkennen, die ehedem von den Philosophen zu Gegenständen des Nachdenkens gemacht worden sind.
Ginge es nach der Meinung der Leute, die solche Stimmen vernehmen lassen, so würde man sich begnügen, die Dinge und Erscheinungen zu messen, zu wägen, zu vergleichen, sie mit den vorhandenen Apparaten zu untersuchen: niemals aber würde die Frage erhoben nach dem höheren Sinn der Dinge und Erscheinungen. Der unerschütterliche Glaube, dass das Denken dazu berufen ist, die Welträtsel zu lösen, ist uns verlorengegangen.
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Wo sind die Zeiten, in denen Schiller tiefes Verständnis fand, als er den philosophischen Kopf pries gegenüber dem Brotgelehrten! Jenen, der rückhaltlos nach den Wahrheitsschätzen gräbt, wenn er auch der Gefahr ausgesetzt ist, daß gleich darauf ein zweiter Schatzgräber ihm alles entwertet durch einen neuen Fund, gegenüber dem, der ewig nur das banale, aber unbedingt «wahre»: «Zweimal zwei ist vier» wiederholt.
Wir müssen den Mut haben, kühn in das Reich der Ideen einzudringen, auch auf die Gefahr des Irrtums hin. Wer zu feig ist, um zu irren, der kann kein Kämpfer für die Wahrheit sein. Ein Irrtum, der dem Geist entspringt, ist mehr wert als eine Wahrheit, die der Plattheit entstammt. Wer nie etwas behauptet hat, was in gewissem Sinne unwahr ist, der taugt nicht zum wissenschaftlichen Denker. Aus feiger Furcht vor dem Irrtum ist unsere Wissenschaft der baren Flachheit zum Opfer gefallen. Es ist geradezu haarsträubend, welche Charaktereigenschaften heute als Tugenden des wissenschaftlichen Forschers gepriesen werden. Wollte man dieselben ins Gebiet der praktischen Lebensführung übersetzen, so käme das — Gegenteil eines festen, entschiedenen, energischen Charakters heraus.
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Nicht daß die Forscher sich speziellen Aufgaben widmen, ist der Fehler, sondern daß sie in die Welt der Einzelheiten den universellen Geist nicht hineinarbeiten können. Schlimm wäre es, wollten wir an Stelle der Erforschung der individuellen Wesenheiten das Ausspinnen abstrakter Allgemeinheiten und grauer Theorien setzen. Studiere das Sandkorn, aber ergründe, inwiefern es des Geistes teilhaftig ist.
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Nicht Mystizismus ist es, was wir hier vertreten wollen. Wer den Geist der Dinge dieser Welt in klaren, durchsichtigen Ideen sucht, der ist keineswegs Mystiker. Es gibt nichts, was mystisches Hell-Dunkel mehr ausschlösse als die kristallklare, bis in die letzten Verzweigungen mit scharfen Konturen ausgestaltete Welt der Ideen. Wer in diese Welt mit menschlicher Schärfe, mit strenger Logik sich einlebt, der wird im Bewußtsein, daß er sein geistiges Reich nach allen Richtungen durchschaut, nichts gemein haben mit dem Mystiker, der nichts schaut, sondern nur ahnt, der die Welt der Gründe nicht ausdenkt, sondern nur anschwärmt. Der Mathematiker ist das Vorbild für den mystikfreien Denker. Also nicht endloses Sammeln von Einzeltatsachen ist unsere Aufgabe, sondern Schärfung des Geistesvermögens für das Schauen der Naturtiefen tut uns zunächst not.
Unsere Vernunft muß wieder dahin gelangen, sich ihrer Absolutheit bewußt zu sein; und dem feigen, sklavischen Unterordnen derselben unter die drückende Macht der Tatsachen muß ein Ende gemacht werden. Es ist unwürdig, daß ein Höheres, welches die Vernunft doch ist, sich zum bloßen Sammler von Dingen niedrigeren Wertes hergibt. Bestünde die Welt nur aus sinnenfällig wahrnehmbaren Dingen, dann müßte die Vernunft abdanken. Eine Aufgabe hat sie nur, wenn sich in der Welt das findet, was sie zu fassen vermag. Und das ist der Geist. Ihn leugnen, heißt die Vernunft in den Ruhestand versetzen.
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Ich habe es oft hören müssen: gegenwärtig sei es unsere Aufgabe, Baustein auf Baustein zu sammeln. Die Zeit sei vorbei, wo man, ohne erst die Materialien zur Hand zu haben, im stolzen Übermut philosophische Lehrgebäude aufführte. Wenn wir erst dieses Materials genug gesammelt haben, dann wird schon das rechte Genie erstehen und den Bau aufführen. Jetzt sei nicht die Zeit zum Systembauen. Diese Ansicht entspringt einer bedauernswerten Unklarheit über die Natur der Wissenschaft. Wenn die letztere die Aufgabe hätte, die Tatsachen der Welt zu sammeln, sie zu registrieren und sie zweckmäßig nach gewissen Gesichtspunkten systematisch zu ordnen, dann könnte man etwa so sprechen. Dann aber müßten wir überhaupt auf alles Wissen verzichten, denn mit dem Sammeln der Tatsachen würden wir wohl erst am Ende der Tage fertig werden, und dann gebräche es uns an der nötigen Zeit, die geforderte gelehrte Registrierarbeit zu vollziehen.
Wer sich nur einmal klarmacht, was er eigentlich durch die Wissenschaft erreichen will, dem wird die Irrtümlichkeit jener eine unendliche Arbeit in Anspruch nehmenden Forderung gar bald einleuchten. Wenn wir der Natur gegenübertreten, dann steht sie zunächst wie ein tiefes Mysterium vor uns, sie dehnt sich wie ein Rätsel vor unseren Sinnen aus. Ein stummes Wesen bückt uns entgegen. Wie können wir Licht in diese mystische Finsternis bringen? Wie das Rätsel lösen?
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Der Blinde, der ein Zimmer betritt, kann nur Dunkelheit in demselben empfinden. Und wenn er noch so lange herumwandelt und alle Gegenstände betastet: Helligkeit wird ihm dadurch nimmer den Raum erfüllen. Wie dieser Blinde der Einrichtung des Zimmers, so steht im höheren Sinne der Mensch der Natur gegenüber, der von der Betrachtung einer unendlichen Zahl von Tatsachen die Lösung des Rätsels erwartet. Es liegt etwas in der Natur, was uns tausend Tatsachen nicht verraten, wenn uns die Sehkraft des Geistes abgeht, es zu schauen.
Ein jegliches Ding hat zwei Seiten. Die eine ist die Außenseite. Sie nehmen wir mit unseren Sinnen wahr. Dann gibt es aber auch eine Innenseite. Diese stellt sich dem Geiste dar, wenn er zu betrachten versteht. An seine eigene Unfähigkeit in irgendeiner Sache wird niemand glauben. Wer bei sich die Fähigkeit vermißt, diese Innenseite wahrzunehmen, der leugnet sie am liebsten dem Menschen ganz ab, oder er verschreit diejenigen als Phantasten, die vorgeben, sie zu besitzen. Gegen ein absolutes Unvermögen läßt sich nichts machen, und man könnte die nur bedauern, die wegen desselben nie zur Einsicht in die Tiefen des Weitwesens kommen können. Der Psychologe aber glaubt nicht an diese Unfähigkeit. Jeder geistig normal entwickelte Mensch hat das Vermögen, in jene Tiefen bis zu einem gewissen Punkte hinunterzusteigen. Aber die Bequemlichkeit des Denkens verhindert viele daran. Ihre geistigen Waffen sind nicht stumpf, aber die Träger sind zu lässig, sie zu handhaben. Es ist ja unendlich viel bequemer, Tatsache auf Tatsache zu häufen, als die Gründe für dieselben durch das Denken aufzusuchen. Vor allem ist bei solcher Tatsachenhäufung der Fall ausgeschlossen, daß ein anderer kommt und das von uns Vertretene umstößt. Man kommt auf diese Weise nie in die Lage, seine geistigen Positionen verteidigen zu müssen; man braucht sich nicht darüber aufzuregen, daß morgen von jemand das Gegenteil unserer heutigen Aufstellungen vertreten wird. Man kann sich, wenn man bloß mit tatsächlicher Wahrheit sich abgibt, hübsch in dem Glauben wiegen, daß uns diese Wahrheit niemand bestreiten kann, daß wir für die Ewigkeit schaffen. Jawohl, wir schaffen auch für die Ewigkeit, aber wir schaffen bloß Nullen. Diesen Nullen durch das Vorsetzen einer bedeutungsvollen Ziffer in Form einer Idee einen Wert zu verleihen, dazu fehlt uns eben der Mut des Denkens. Davon haben heute wenige Menschen eine Ahnung: daß etwas wahr sein kann, auch wenn das Gegenteil davon mit nicht geringerem Rechte behauptet werden kann. Unbedingte Wahrheiten gibt es nicht. Wir bohren tief in ein Ding der Natur, wir holen aus den verborgensten Schachten die geheimnisvollsten Weisheiten herauf; wir drehen uns um, bohren an einer zweiten Stelle: und das Gegenteil zeigt sich uns als ebenso berechtigt. Daß eine jede Wahrheit nur an ihrem Platze gilt, daß sie nur so lange wahr ist, als sie unter den Bedingungen behauptet wird, unter denen sie ursprünglich gegründet ist, das muß vor allem begriffen werden.
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Wo sind die Zeiten, in denen Schiller tiefes Verständnis fand, als er den philosophischen Kopf pries gegenüber dem Brotgelehrten! Jenen, der rückhaltlos nach den Wahrheitsschätzen gräbt, wenn er auch der Gefahr ausgesetzt ist, daß gleich darauf ein zweiter Schatzgräber ihm alles entwertet durch einen neuen Fund gegenüber dem, der ewig nur das banale, aber unbedingt «wahre»: «Zweimal zwei ist vier» wiederholt. Wir müssen den Mut haben, kühn in das Reich der Ideen einzudringen, auch auf die Gefahr des Irrtums hin. Wer zu feig ist, um zu irren, der kann kein Kämpfer für die Wahrheit sein. Ein Irrtum, der dem Geist entspringt, ist mehr wert als eine Wahrheit, die der Plattheit entstammt. Wer nie etwas behauptet hat, was in gewissem Sinne unwahr ist, der taugt nicht zum wissenschaftlichen Denker.
Aus Rudolf Steiner, Methodische Grundlagen der Anthroposophie, Gesammelte Aufsätze 1884-1901
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