Meinrad Inglin Tagebuch 1913–1920

Es kommt nicht bloss auf das Talent an, sondern auch auf den Willen, der
dahinter wirkt. Hochtalentierte, aber willensschwache Menschen bringen es
in der Kunst nie zur Meisterschaft.
„Transcende te ipsum!“
Augustinus1
22. 11. 13
Ob wohl die Dummen wissen[,] dass sie dumm sind? Das müsste eine er-
schreckende Erkenntnis sein!
22. 11. 13
Ein Dichter, der nicht anerkannt wird, verschwindet u. lässt sich tot sagen, damit
ihm Anerkennung wenigstens nach seinem scheinbaren Tode, gezollt werde. Jetzt
aber wird er, statt gelobt u. auf den Schild gehoben, ganz ent[t]hront. Da kehrt
er nicht mehr zurück u. gibt sich wirklich den Tod.
3. 12. 13
Ich trage die Ideen, die ich dichterisch verwerten will, lange in mir herum
und dann spinnen sich oft unerwartet von geistigen u. sinnlichen Eindrücken,
die ich im Alltagsleben empfange, Fäden zu dieser Idee und befruchten und
bereichern sie. Ich kann das Anwachsen eines Stoffes in mir genau verfolgen.
14. I. 14
Ein Mensch[,] der seine ganze hervorragende Existenz unbewusst auf einem
Grunde aufgebaut hat, der so unsicher ist, dass er in einer bestimmten Zeit
unbedingt zusammenbrechen u. damit diese Existenz vernichten muss. Kon-
flikt: Darf nun dieser Mensch ein Verbrechen quelconque begehen[,] wenn er
damit seine (für die Mitmenschen vielleicht sehr wichtige) Existenz sichern
könnte? – (Tragisch abgerundet: Wenn er es tut, wird er später gerade dadurch
doch zu Fall kommen. Und er wird es tun, wenn er eine Persönlichkeit ist, die
sich durchsetzen kann).
1. Febr. 14
Wenn irgend ein genialer Dichter versuchte[,] das Tagebuch Gottes zu schrei-
ben!
26. Febr. 14
Position! Ce mot a une tournure d’épicier enrichi qui me porte sur les nerfs.
Je ne puis souffrir ce rôle passif d’instrument, ce travail de brute que nous
impose la société.
Lorsque je jette un regard à l’horizon, je me vois seul ; rien ne m’attache à
la vie, ni haine, ni amour. Je me demande avec angoisse si je n’ai pas de cœur,
si le ciel m’a fait misérable, si je ne suis qu’un tas de boue incapable de briller.
Je remarque de plus en plus que ma plume ne peut exprimer que bien im-
parfaitement mes idées et mes sensations.
… je sens en moi quelque chose et, si en réalité ce quelque chose existe, tôt
ou tard il paraîtra au grand jour.
… ces heures où le poète doute de lui-même sont de tristes heures[.]
… ou plutôt, morbleu ! Rions, rions à perdre haleine, rions des autres, rions
de nous, rions de l’univers entier. Au moins on s’étourdit.
Je subis … une rude attaque de spleen. Cette maladie offre chez moi des
caractères singuliers ; abattement mêlé d’inquiétude, souffrance physique et
morale. Tout me semble couvert d’un voile noir ; … .
Dies Sätze aus den Jugendbriefen des zwanzigjährigen Zola an seinen
Freund Baille.2 Sein Wesen deckt sich überraschend mit meiner eigenen Natur:
Dieselbe unsichere brotlose Lebensstellung, dieselbe Verachtung des Herden-
menschen und Positionsjägers, dasselbe Einsamkeitsgefühl inmitten einer
Menge seelenloser Maschinen, dieselben inneren Konflikte: heute der Glaube
an seine Dichtermission, der starke, gegenwartsfreudige Wille zum Leben,
der hoffnungsfrohe Blick in die Zukunft und morgen der nagende Zweifel an
seinen dichterischen Fähigkeiten, die Verzweiflung an der Unbegreiflichkeit
des Seins, die unverstandene, quälende, innere Unruhe und dazwischen hinein
wieder das jähe, grelle Auflachen.
Ich bin faul.
Ich habe einen sehr offenen Geist und wenn ich mich anstrenge, sehe ich
immer auf den Grund der Dinge.
1. III. 14
Es treibt mich ausserordentlich, die Geschichte meiner bewegten Jugend zu
gestalten[.]
Muse! Muse! Halte mich! Halte mich!
7. III. 14
Es drängt mich ausserordentlich, meine reiche Jugend künstlerisch zu gestalten.
Nur bin ich mir noch nicht klar, ob ich einfach naiv gestalten und erzählen oder
ob ich die Geschichte meiner Jugend einer bestimmten Grundidee dienstbar
machen soll.3 Dies letztere scheint mir das künstlerisch Bedeutendere zu sein.
Ich denke es mir ungefähr so: Ich hebe zuerst hervor, wie ich als Kind naiv
und unbewusst u. ohne „Ich“bewusstsein mit der Gesellschaft lebe; dann
wie sich der Begriff des Individuums allmählich in mir entwickelt u. wie die
Eigenart meiner Individualität bedingt, dass ich mich langsam von der mich
umgebenden Gesellschaft löse, bis ich endlich ganz einsam dastehe; zuletzt,
wie ich, da ich mich selber gefunden, endlich den mir bestimmten Platz in der
Gesellschaft einnehme.4
1. Januar 1916
Erst vor zwei Jahren habe ich die Führung eines Tagebuches aufgesteckt und
doch muss ich jetzt schon lächeln über diese ersten Seiten. Ich mache im Geiste
einen dicken Strich darunter.
Der Zufall ergibt es, dass ich am ersten Tage dieses Jahres die Überzeugung
gewinne, die Führung eines Tagebuches sei für mich von grösster Wichtigkeit.
Ich sehe klar, dass das spätere Gestalten seelischer Zustände ausserordentlich
erleichtert wird[,] wenn man sich fortwährend genaue Rechenschaft über jeden
bedeutungsvollen inneren Seelenzustand gibt und die Wahrnehmung notiert.
Ich habe mir das zwar früher schon gesagt, aber der Gedanke hat mich erst
heute so erfasst, dass ich zur Durchführung entschlossen bin.
5. I. 1916
Ich war lange von der Tatsache dieses Krieges und der Grösse der Zeit mächtig
erregt und fühlte tief und unmittelbar den ehernen Gang des Weltschicksals.
Ich habe die in der Folge der vielen Kriegsmonate im Volke aufsteigende
Interesselosigkeit und abnehmende Erlebnissfähigkeit gegenüber den gros-
sen Ereignissen bedauert und eine Steigerung von der tragischen Bedeutung
des Krieges angestrebt – – und nun – bemerke ich mit Erstaunen, dass mein
Inneres auch schon die rechte Anteilnahme verlernen will und sich von eigenen
seelischen Interessen das wichtigere tiefe Erlebnis5 der Zeit verdrängen lässt.
Seelische Spannungen lösen sich wirklich schneller[,] als ich glaubte[,] und
unser Empfindungsvermögen ist viel zu kurzatmig für diese Zeit.
10. I. 1916
Ich habe ein paar Erzählungen von J.V. Widmann6 gelesen. Eigentümlich, wie
diese Sachen, die doch in einem leichten unterhaltenden Erzählton geschrieben
sind, einen starken Eindruck auf mich machen. Hauptsächlich: „Der Redak-
teur“. Und dann auch: „Amor als Kind.“ Diese letztere hat eine ganze Fülle
von poesievollen glücklichen Erinnerungen meiner Jugendzeit in mir wach-
gerufen und mich darin bestärkt, diese einmal zu Papier zu bringen, dass sie
sich nicht im Laufe des Lebens verflüchtigen. Dafür sind sie mir zu köstlich,
das fühle ich immer mehr.
Neben einer solchen Geschichte wie „Amor als Kind“, erscheint mir meine
eben beendete Novelle „Der Vater“7 als plump und ungeschickt.
25. I. 16
Ich kann mich in aristokratischer Gesellschaft von wirklicher Vornehmheit
sehr wohl bewegen und verrate durch kein Wort u. durch keine Gebärde die
beschränkte Einfachheit, in der ich aufgewachsen bin; ich fühle mich geistig in
diesen Kreisen immer allen gewachsen u. meistens überlegen – und trotzdem
trifft mich in diesen Umständen oft plötzlich wider meinen Willen wie ein
peinlicher, geheimer Stich das Bewusstsein: Du bist halt trotzdem ein ganz
gewöhnlicher Bürger, etwas wie Neid empfinde ich dann.
Ich schreibe das meiner grossen Empfindsamkeit zu u. tröste mich mit
dem Gedanken, dass die Form nicht das Grösste ist, sondern etwas[,] was sich
erwerben lässt, während das andere, der Geist, Inhalt, oder wie man es nen-
nen will, nicht einmal durch den Adel des Blutes, geschweige denn mit etwas
anderem erkauft werden kann.
Locarno 20. II. 16
Gewiss, ich möchte Aristokrat sein; ich schätze Aristokratie hoch ein. Aber
muss es dann gerade das preussische Junkertum sein? Was ich heute wieder
von Frau S.8 gehört habe[,] macht mich nachdenklich.
Meine anfängliche Vorliebe für preussischen Adel erkläre ich mir daraus[,]
dass ich den Gegenstand meiner allgemeinen Sympathie für den Adel eben in
jenen Kreisen suchte, die am meisten in die Augen stachen; ich hatte noch nicht
die Kraft[,] mir ein eigenes Bild von Aristokratie zu machen, wie ich es jetzt
tue, d.h. meine Sympathie war ohne die nötige Urteilskraft.
Locarno 20. II. 16
Ich habe vor einigen Tagen die Bekanntschaft mit zwei Gräfinnen gemacht:
Marchese & Marchesina Paolucci-Heinemann. Sehr liebenswürdige u. inter-
essante Menschen. Wohnen im Grand Hotel. Werde oft eingeladen. (Virgina
homosexualis est)
Bern, 1. April.
Versuch in Versen: Gott hat die Welt erschaffen. Aber er lässt sie fahren, über-
lässt sie ihrem eigenen Schicksal. Er, der Herr, spielt für ewige Zeiten nur den
stummen Zuschauer. Ihm zur Seite ein Engel; der Engel des Herrn. (Das ewig
Weibliche) Kommentar in Form von Dialogen (Versen) über die Geschehnisse
auf der Erde. Z.B.: Der Engel: Herr[,] die Erde trieft von Blut und Tränen[.]
Weh der Erde!
Herr: Die Erde strotzt von Kraft u. Überfülle. Jeder Tag gebärt ein neues
Heldentum. Heil der Erde.
Bern, 6. April
Rudolf von Markwald ist der geborene Künstler, der gern das Leben einfangen
möchte, am Versuche scheitert und sich zur Kunst entschliesst[.]
Melchior Lob ist der geborene Künstler[,] der das Leben nicht liebt, sich der
Kunst ergeben möchte und sich dennoch zum Leben entschliesst.
Gegensatz von Kunst u. Leben ist so gemeint, dass der Künstler über oder
hinter dem Leben steht als Zuschauer[,] der andere aber dieses Leben selbst
mitlebt ohne künstlerische Absichten.
These: Herr Leutnant Rudolf von Markwald Antithese: Melchior LobSynthese: Ich
Bern, 17. IV. 16
Ich hätte Lust zu:
Albert Steffen, Paul Ilg, Jakob Schaffner etc.10
Ein Beitrag zur Literaturgeschichte der Schweiz als eine kritische Würdi-
gung unserer jüngsten Schweizerkünstler.
12. Mai 1916
Vorwurf zu einer Novelle: Ein Knabe, als Opfer des Buches[.] Er liest Indianer-
geschichte, Buffalo Bill11 etc.[,] kommt in eine Welt von Illusionen, wird zum
Verbrecher u. geht zu Grunde. Ganz psychologische Darstellung. Perspektive
aus der Phantasie des Knaben heraus.
Mai 1916
Mein Erlebniss auf d. Rigi: Das Mädchen aus Wollerau Josy M.12, der Bauern-
bube und ich stellt nichts anderes als die Illustration zum Mann’schen Grund-
problem (Künstler u. Bürger resp. unkünst. Mensch) dar
Buffalo Bill (s. oben) Erste Wirkung: stiehlt mit seinen Kameraden dem
Waldbruder die Eier. Zweite Wirkung: tötet dem Waldbruder die Hühner.
(Tschütschi)13
17. V. 16
Vorwurf zu hist. Novelle: Fra Bartolomeo[.]14 Ganz psychologische Darstel-
lung u. Entwicklung dieses sehr interessanten Künstlers.
Don Juan15
Die gestorbene Geliebte, deren Körper er noch nie gesehen hat. Er hält die
Nacht allein Totenwache, enthüllt den Leib und macht eine photographische
Blitzlichtaufnahme.
28. V. 16
Ein Roman der Zukunft: Leutnant X im Mittelpunkt; Künstlernatur, haltlos
aber ideal; Nietzscheaner; geht fast an sich zu Grunde; sehnt den Krieg herbei;
er kommt; Frankreich erklärt der Schweiz den Krieg; Bürgerkrieg: Welsche und
Deutschschweizer gegeneinander. Die Schweiz fällt auseinander; Anschluss an
die Grossmächte; Leutnant X hat als Ideal: die Herrenrechte; er verachtet die
Demokratie; er wird zuletzt, kurz vor dem Frieden von Deutschland geadelt,
dann wird er wahnsinnig. Grossartig, freskenhaft, psychologisch tief, logisch,
konsequent realistisch. Soll ich beginnen? Soll ich? Ja!16
20. VI 16
Novelle: Künstler, der sich einmal für ein halbes Jahr von allen Sehnsüchten,
Quälereien und Zweifeln und Einsamkeiten befreien will; im Dienst als Leut-
nant (meine Erlebnisse in Locarno etc.) Er tollt sich aus und denkt nicht mehr
an die Kunst, findet das Leben zu schön und geht daran zu Grunde. Ausser im
1. Kap. in der ganzen Novelle kein Wort von Kunst, nur das Leben. 

Meinrad Inglin 
(1893–1971) 
Tagebuch 1913–1920 
Von jugendlicher Rebellion zu eigenständiger Autorschaft
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Daniel Annen 
Schweizer Texte, Neue Folge, Band 68 
Gebunden 2025. 108 Seiten, 10 Abbildungen s/w.

https://www.chronos-verlag.ch/node/28952#einblick  

 

Wir müssen den Mut haben

Dem Drang der menschlichen Seele nach Eingliederung alles Wissens in eine Gesamtanschauung, aus der die höchsten geistigen Bedürfnisse befriedigt werden können, steht in unserer Zeit die Mutlosigkeit unseres Denkens gegenüber, welche es nicht dazu kommen lässt, eine solche Gesamtanschauung zu gewinnen. Diese Mutlosigkeit ist ein charakteristisches Merkmal des geistigen Lebens an der Jahrhundertwende [um 1900 und heute noch]. Sie trübt uns die Freude an den Errungenschaften der jüngstvergangenen Zeiten. 
Wo immer jemand auftritt, der ein Gesamtbild unseres Wissens zu entwerfen sucht, da tönen unzählige von dieser Mutlosigkeit zeugende Stimmen, welche die Unmöglichkeit eines solchen Gesamtbildes betonen, welche behaupten, dass unser Wissen zu einem solchen Abschlüsse noch lange nicht reif sei. Auch solche Stimmen sind hörbar, die die Unmöglichkeit eines solchen Abschlusses verteidigen. Der menschliche Geist hätte gerade durch die Erfolge der Wissenschaften gesehen, wie unfähig er sei, über diejenigen Dinge etwas zu erkennen, die ehedem von den Philosophen zu Gegenständen des Nachdenkens gemacht worden sind. 
Ginge es nach der Meinung der Leute, die solche Stimmen vernehmen lassen, so würde man sich begnügen, die Dinge und Erscheinungen zu messen, zu wägen, zu vergleichen, sie mit den vorhandenen Apparaten zu untersuchen: niemals aber würde die Frage erhoben nach dem höheren Sinn der Dinge und Erscheinungen. Der unerschütterliche Glaube, dass das Denken dazu berufen ist, die Welträtsel zu lösen, ist uns verlorengegangen.  
[...] 
Wo sind die Zeiten, in denen Schiller tiefes Verständnis fand, als er den philosophischen Kopf pries gegenüber dem Brotgelehrten! Jenen, der rückhaltlos nach den Wahrheitsschätzen gräbt, wenn er auch der Gefahr ausgesetzt ist, daß gleich darauf ein zweiter Schatzgräber ihm alles entwertet durch einen neuen Fund, gegenüber dem, der ewig nur das banale, aber unbedingt «wahre»: «Zweimal zwei ist vier» wiederholt. 
Wir müssen den Mut haben, kühn in das Reich der Ideen einzudringen, auch auf die Gefahr des Irrtums hin. Wer zu feig ist, um zu irren, der kann kein Kämpfer für die Wahrheit sein. Ein Irrtum, der dem Geist entspringt, ist mehr wert als eine Wahrheit, die der Plattheit entstammt. Wer nie etwas behauptet hat, was in gewissem Sinne unwahr ist, der taugt nicht zum wissenschaftlichen Denker. Aus feiger Furcht vor dem Irrtum ist unsere Wissenschaft der baren Flachheit zum Opfer gefallen. Es ist geradezu haarsträubend, welche Charaktereigenschaften heute als Tugenden des wissenschaftlichen Forschers gepriesen werden. Wollte man dieselben ins Gebiet der praktischen Lebensführung übersetzen, so käme das — Gegenteil eines festen, entschiedenen, energischen Charakters heraus. 
[...]
Nicht daß die Forscher sich speziellen Aufgaben widmen, ist der Fehler, sondern daß sie in die Welt der Einzelheiten den universellen Geist nicht hineinarbeiten können. Schlimm wäre es, wollten wir an Stelle der Erforschung der individuellen Wesenheiten das Ausspinnen abstrakter Allgemeinheiten und grauer Theorien setzen. Studiere das Sandkorn, aber ergründe, inwiefern es des Geistes teilhaftig ist. 
[...] 
Nicht Mystizismus ist es, was wir hier vertreten wollen. Wer den Geist der Dinge dieser Welt in klaren, durchsichtigen Ideen sucht, der ist keineswegs Mystiker. Es gibt nichts, was mystisches Hell-Dunkel mehr ausschlösse als die kristallklare, bis in die letzten Verzweigungen mit scharfen Konturen ausgestaltete Welt der Ideen. Wer in diese Welt mit menschlicher Schärfe, mit strenger Logik sich einlebt, der wird im Bewußtsein, daß er sein geistiges Reich nach allen Richtungen durchschaut, nichts gemein haben mit dem Mystiker, der nichts schaut, sondern nur ahnt, der die Welt der Gründe nicht ausdenkt, sondern nur anschwärmt. Der Mathematiker ist das Vorbild für den mystikfreien Denker. Also nicht endloses Sammeln von Einzeltatsachen ist unsere Aufgabe, sondern Schärfung des Geistesvermögens für das Schauen der Naturtiefen tut uns zunächst not. 
Unsere Vernunft muß wieder dahin gelangen, sich ihrer Absolutheit bewußt zu sein; und dem feigen, sklavischen Unterordnen derselben unter die drückende Macht der Tatsachen muß ein Ende gemacht werden. Es ist unwürdig, daß ein Höheres, welches die Vernunft doch ist, sich zum bloßen Sammler von Dingen niedrigeren Wertes hergibt. Bestünde die Welt nur aus sinnenfällig wahrnehmbaren Dingen, dann müßte die Vernunft abdanken. Eine Aufgabe hat sie nur, wenn sich in der Welt das findet, was sie zu fassen vermag. Und das ist der Geist. Ihn leugnen, heißt die Vernunft in den Ruhestand versetzen. 
[...] 
Ich habe es oft hören müssen: gegenwärtig sei es unsere Aufgabe, Baustein auf Baustein zu sammeln. Die Zeit sei vorbei, wo man, ohne erst die Materialien zur Hand zu haben, im stolzen Übermut philosophische Lehrgebäude aufführte. Wenn wir erst dieses Materials genug gesammelt haben, dann wird schon das rechte Genie erstehen und den Bau aufführen. Jetzt sei nicht die Zeit zum Systembauen. Diese Ansicht entspringt einer bedauernswerten Unklarheit über die Natur der Wissenschaft. Wenn die letztere die Aufgabe hätte, die Tatsachen der Welt zu sammeln, sie zu registrieren und sie zweckmäßig nach gewissen Gesichtspunkten systematisch zu ordnen, dann könnte man etwa so sprechen. Dann aber müßten wir überhaupt auf alles Wissen verzichten, denn mit dem Sammeln der Tatsachen würden wir wohl erst am Ende der Tage fertig werden, und dann gebräche es uns an der nötigen Zeit, die geforderte gelehrte Registrierarbeit zu vollziehen. 
Wer sich nur einmal klarmacht, was er eigentlich durch die Wissenschaft erreichen will, dem wird die Irrtümlichkeit jener eine unendliche Arbeit in Anspruch nehmenden Forderung gar bald einleuchten. Wenn wir der Natur gegenübertreten, dann steht sie zunächst wie ein tiefes Mysterium vor uns, sie dehnt sich wie ein Rätsel vor unseren Sinnen aus. Ein stummes Wesen bückt uns entgegen. Wie können wir Licht in diese mystische Finsternis bringen? Wie das Rätsel lösen? 
[...] 
Der Blinde, der ein Zimmer betritt, kann nur Dunkelheit in demselben empfinden. Und wenn er noch so lange herumwandelt und alle Gegenstände betastet: Helligkeit wird ihm dadurch nimmer den Raum erfüllen. Wie dieser Blinde der Einrichtung des Zimmers, so steht im höheren Sinne der Mensch der Natur gegenüber, der von der Betrachtung einer unendlichen Zahl von Tatsachen die Lösung des Rätsels erwartet. Es liegt etwas in der Natur, was uns tausend Tatsachen nicht verraten, wenn uns die Sehkraft des Geistes abgeht, es zu schauen. 
Ein jegliches Ding hat zwei Seiten. Die eine ist die Außenseite. Sie nehmen wir mit unseren Sinnen wahr. Dann gibt es aber auch eine Innenseite. Diese stellt sich dem Geiste dar, wenn er zu betrachten versteht. An seine eigene Unfähigkeit in irgendeiner Sache wird niemand glauben. Wer bei sich die Fähigkeit vermißt, diese Innenseite wahrzunehmen, der leugnet sie am liebsten dem Menschen ganz ab, oder er verschreit diejenigen als Phantasten, die vorgeben, sie zu besitzen. Gegen ein absolutes Unvermögen läßt sich nichts machen, und man könnte die nur bedauern, die wegen desselben nie zur Einsicht in die Tiefen des Weitwesens kommen können. Der Psychologe aber glaubt nicht an diese Unfähigkeit. Jeder geistig normal entwickelte Mensch hat das Vermögen, in jene Tiefen bis zu einem gewissen Punkte hinunterzusteigen. Aber die Bequemlichkeit des Denkens verhindert viele daran. Ihre geistigen Waffen sind nicht stumpf, aber die Träger sind zu lässig, sie zu handhaben. Es ist ja unendlich viel bequemer, Tatsache auf Tatsache zu häufen, als die Gründe für dieselben durch das Denken aufzusuchen. Vor allem ist bei solcher Tatsachenhäufung der Fall ausgeschlossen, daß ein anderer kommt und das von uns Vertretene umstößt. Man kommt auf diese Weise nie in die Lage, seine geistigen Positionen verteidigen zu müssen; man braucht sich nicht darüber aufzuregen, daß morgen von jemand das Gegenteil unserer heutigen Aufstellungen vertreten wird. Man kann sich, wenn man bloß mit tatsächlicher Wahrheit sich abgibt, hübsch in dem Glauben wiegen, daß uns diese Wahrheit niemand bestreiten kann, daß wir für die Ewigkeit schaffen. Jawohl, wir schaffen auch für die Ewigkeit, aber wir schaffen bloß Nullen. Diesen Nullen durch das Vorsetzen einer bedeutungsvollen Ziffer in Form einer Idee einen Wert zu verleihen, dazu fehlt uns eben der Mut des Denkens. Davon haben heute wenige Menschen eine Ahnung: daß etwas wahr sein kann, auch wenn das Gegenteil davon mit nicht geringerem Rechte behauptet werden kann. Unbedingte Wahrheiten gibt es nicht. Wir bohren tief in ein Ding der Natur, wir holen aus den verborgensten Schachten die geheimnisvollsten Weisheiten herauf; wir drehen uns um, bohren an einer zweiten Stelle: und das Gegenteil zeigt sich uns als ebenso berechtigt. Daß eine jede Wahrheit nur an ihrem Platze gilt, daß sie nur so lange wahr ist, als sie unter den Bedingungen behauptet wird, unter denen sie ursprünglich gegründet ist, das muß vor allem begriffen werden. 
[...] 
Wo sind die Zeiten, in denen Schiller tiefes Verständnis fand, als er den philosophischen Kopf pries gegenüber dem Brotgelehrten! Jenen, der rückhaltlos nach den Wahrheitsschätzen gräbt, wenn er auch der Gefahr ausgesetzt ist, daß gleich darauf ein zweiter Schatzgräber ihm alles entwertet durch einen neuen Fund gegenüber dem, der ewig nur das banale, aber unbedingt «wahre»: «Zweimal zwei ist vier» wiederholt. Wir müssen den Mut haben, kühn in das Reich der Ideen einzudringen, auch auf die Gefahr des Irrtums hin. Wer zu feig ist, um zu irren, der kann kein Kämpfer für die Wahrheit sein. Ein Irrtum, der dem Geist entspringt, ist mehr wert als eine Wahrheit, die der Plattheit entstammt. Wer nie etwas behauptet hat, was in gewissem Sinne unwahr ist, der taugt nicht zum wissenschaftlichen Denker.

 Aus Rudolf Steiner, Methodische Grundlagen der Anthroposophie, Gesammelte Aufsätze 1884-1901 

http://bdn-steiner.ru/cat/ga/030.pdf